Zeit für alles und nichts. Ein paar Gedanken am Dienstagabend.

Unsere Wochenenden sind immer voll gepackt mit Programm. Mit schönem Programm! Ausflüge, Freunde treffen, Eis essen gehen, auf Sportplätzen rumhängen,… „Eustress“ nennt man das. Und ich liebe es, weil ich gerne unterwegs bin. Doch am Sonntag gehe ich regelmäßig mit dem Gefühl ins Bett, dass ich am Montag erstmal Wochenende bräuchte.

Am Montag nach einem dicht gepackten Wochenende mit der Familie erhole ich mich dann sozusagen auf der Arbeit und genieße die Ruhe am Schreibtisch, die netten Gespräche mit den lieben Kolleginnen, das ungestörte Werkeln am Computer… Sobald ich das Büro verlasse, überkommt mich aber meist die Müdigkeit. Ich könnte sofort in die Hängematte fallen und einschlafen. Stattdessen ist aber in der Regel Kinder-zum-Sport-bringen und -abholen, Einkaufen und ein bisschen Haushaltskram im Programm. Sobald mein Liebster netterweise einige dieser Programmpunkte übernimmt, liege ich montagnachmittags halbtot auf dem Sofa.

Am Dienstag bin ich schon wieder halbwegs fit. Das ist auch gut so, denn dienstags ist Mama-und-Junior-Abend, weil die anderen Beiden gefühlt eine Ewigkeit auf dem Sportplatz sind. Junior und ich essen meistens sogar ohne sie zu Abend, um nicht zu verhungern. Der Dienstag ist also auch ein guter Tag für Juniors Verabredungen. Heute hatte er Besuch von einem Kindergartenkumpelchen. Und weil er dann noch Sehnsucht nach seiner Freundin hatte, die ein paar Häuser weiter wohnt, sind wir nach dem Essen für ein Stündchen dort im Garten gewesen. Mit seinen fast 4 Jahren legt nun auch unser Kleiner zunehmend wert darauf, nach der Kita seine Freunde zu treffen. Und das finde ich natürlich grundsätzlich prima.

Als die Große in Juniors Alter war, erschien es mir ganz selbstverständlich, dass wir nach dem Kindergarten um 16 Uhr noch etwas unternehmen. Und so gewöhnte sie sich daran, dass Leben Bewegung bedeutet und immer etwas los ist. Unsere Große hat einen Terminkalender – der ist absoluter Wahnsinn! Und zwar nicht nur am Wochenende, sondern IMMER. Das liegt bei ihr zu großen Teilen am regelmäßigen Sportprogramm. Zwei- bis dreimal pro Woche ist sie nachmittags auf dem Sportplatz, samstags ist oft ein Fußballspiel. Erfreulicherweise dauert das in der F-Jugend nur 2 x 20 Minuten + Pause, so dass nicht gefühlt der ganze Tag dafür drauf geht. Dazu das Kunstradtraining zweimal pro Woche. Nun zum Ende des Schuljahres ist der Kalender so prall gefüllt wie vor Weihnachten: Klassenfest, Schulabschlussfest, Chorauftritt, Fußballfahrt, Saisonabschlussfeier, Kindergeburtstag,… Und dazwischen will sie natürlich gerne noch Freundinnen treffen. Ich werde die Große bitten, mir für meine nächste Bewerbungsmappe eine Arbeitszeugnis zu erstellen, welches belegt, dass Mama eine hervorragende Sekretärin ist und die Termine (in der Regel) im Griff hat – von vergessenen Geburtstag mal abgesehen..

Ich freue mich schon darauf, wenn MEIN Kalender wieder so voll ist wie ihr Kalender: Spaziergang hier, Kino da, vielleicht mal ein VHS-Kurs, ein Vortrag, Impro-Theater, gemütlicher Kaffeeklatsch mit Freunden,… mir würde da einiges einfallen, wenn es die Zeit zuließe.

Mein Liebster und ich haben immerhin eine gute, geradezu luxuriöse Möglichkeit gefunden, um zumindest etwas mehr Zeit für uns zu gewinnen, sei es für so Notwendiges wie Klamotten kaufen und Badfließen gucken und so Schönes wie einen gemeinsamen Sauna-Tag und Mittagessen ohne dazwischenquatschende Kinder: Wir haben beide einen freien Freitag. Hoch lebe die Teilzeitarbeit! Zwar klappt es nicht immer mit dem Pärchenvormittag ohne Kindern, weil Kita-Streiks, schulfreie Brückentage oder die Arbeit dazwischen kommen, aber manchmal geht unser Plan eben doch auf. Das scheint manchem Vollzeiterwerbstätigen bestimmt sehr luxuriös. Aber was ist schon Geld, wenn man Zeit haben kann in der Rushhour of Life, in der wir uns definitiv noch befinden.

Zeit hat man nicht, Zeit nimmt man sich!

Wir nehmen uns nun also relativ viel Zeit. Und dennoch rennt sie uns ständig davon. Es ist unglaublich, dass schon wieder Juni ist. Übermorgen ist plötzlich Weihnachten! Und dann habe ich im Januar Geburtstag und werde wieder ein Jahr älter. Das geht alles so schnell! Was mache ich eigentlich in all den Jahren? Carpe diem, heißt es. Aber nutze ich den Tag?

Kinder lernen in den ersten Lebensjahren so unglaublich viel. Ganz grundlegende Dinge wie Laufen und Sprechen. Im Kindergartenalter entwickeln sie ihr Geschick beim Malen und Basteln, beim Legobauen und Puzzeln, ihre Ausdauer beim Geschichtenzuhören und Phantasie beim Geschichtenerfinden,… In der Grundschule kommen dann Lesen, Schreiben und Rechnen dazu, noch einmal ein gewaltiger Entwicklungssprung. Sie erlernen Musikinstrumente und werden in ihren sportlichen Disziplinen besser. Oder bei anderen Hobbies. Übung macht den Meister. Und nun frage ich mich: Was habe ich in letzter Zeit dazugelernt? Man lernt als Mutter und Vater natürlich auch nie aus und stellt sich immer neuen Herausforderungen, aber am Ende des Arbeits- und Familientages bin ich oftmals ganz schön platt. Da bleibt kein Raum für eine Promotion wie sie meine kinderlosen Kolleginnen neben der Arbeit durchziehen. Da bleibt kein Elan für Dinge, die ich durchaus gerne lernen würde, für die ich aber niemals die nötige Muse finde. So bleibe ich oftmals in meiner Ideenwelt stecken. Erstaunlicherweise gibt es aber Leute, die alles auf die Reihe bekommen. Vielleicht weil sie zaubern können oder weil sie niemals schlafen. Oder weil sie nicht wie ich unglaublich gern in der Hängematte liegen und dort ein Buch lesen, sondern am Schreibtisch sitzen und dort ein Buch schreiben. Möglicherweise haben sie auch einen geheimen Knopf, mit dem sie die Zeit anhalten können, die für mich dahin rast. Kann denn mal jemand ein Tempolimit einführen?

Oder besser doch kein Tempolimit. Denn paradoxerweise vergeht die Zeit als Mutter nicht nur schneller, sondern zugleich auch langsamer. Die Jahre rasen dahin, aber Minuten und Stunden ziehen sich mitunter wie Kaugummi und wollen einfach nicht enden. Es ist die bizarre Mischung aus atemlosen Alles-erledigen-wollen und ungeduldigem Warten-bis-das-eigene-Leben-wieder-anfängt. Geht es dir auch so?

Wenn ich wieder einmal zwischen diesen beiden Extremen gefangen bin und mir der Kopf schwirrt, versuche ich es damit: Dankbar sein und genießen, was ist. In genau diesem Moment. Präsent sein statt sich in die Zukunft zu träumen. Das gelingt mir noch nicht immer – aber ich übe mich darin. Heute wollte ich beispielsweise gerne diese Gedanken mit euch teilen. Aber ich musste mein Schreiben unterbrechen, um die Kinder um halb 10 (!) endlich ins Bett zu manövrieren, damit sie wenigstens noch ein bisschen Schlaf bekommen. Ich hätte natürlich lieber einfach weitergeschrieben, besann mich aber dann darauf, dass es eigentlich sehr kuschelig ist, sich mit Junior ins Bett zu begeben und ihm zwei Pixi-Bücher vorzulesen. Prompt bin ich wieder bei ihm eingeschlafen. Und gleich husche ich wieder ins Bettchen. Morgen früh geht’s schließlich wieder rund!

Abschließend wünsche ich uns allen mit den Worten von Elli Michler, einer in Würzburg geborenen Dichterin: Zeit!

Ich wünsche dir Zeit
Ich wünsche dir nicht alle möglichen Gaben.
Ich wünsche dir nur, was die meisten nicht haben:
Ich wünsche dir Zeit, dich zu freun und zu lachen,
und wenn du sie nützt, kannst du etwas draus machen.
Ich wünsche dir Zeit für dein Tun und dein Denken,
nicht nur für dich selbst, sondern auch zum Verschenken.
Ich wünsche dir Zeit – nicht zum Hasten und Rennen,
sondern die Zeit zum Zufriedenseinkönnen.
Ich wünsche dir Zeit – nicht nur so zum Vertreiben.
Ich wünsche, sie möge dir übrigbleiben
als Zeit für das Staunen und Zeit für Vertrauen,
anstatt nach der Zeit auf der Uhr nur zu schauen.
Ich wünsche dir Zeit, nach den Sternen zu greifen,
und die Zeit um zu wachsen, das heißt um zu reifen.
Ich wünsche dir Zeit, neu zu hoffen, zu lieben.
Es hat keinen Sinn, diese Zeit zu verschieben.
Ich wünsche dir Zeit, zu dir selber zu finden,
jeden Tag, jede Stunde als Glück zu empfinden.
Ich wünsche dir Zeit, auch um Schuld zu vergeben.
Ich wünsche dir: Zeit zu haben zum Leben!

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