Was soll ich schenken?

Nicht nur der Geburtstag unserer Großen steht in wenigen Wochen an, sondern plötzlich noch ein paar Kindergeburtstage, auf die sie eingeladen ist. Und natürlich stellt sich somit immer wieder die Frage: Womit können wir den Geburtstagskindern eine Freunde machen? Manchmal sind die Antworten sehr konkret und es wird auf bestimmte Spielsachen, Lego-Packungen, Bücher, etc. verwiesen. Manchmal sind die Eltern und Geburstagskinder selbst etwas ratlos, wenn wir ihnen die Frage nach dem Geburtstagswunsch stellen. Und dann wurde ich neulich mit einer Antwort überrascht, die ich eigentlich (noch?) nicht erwartet hätte: „Ich wünsche mir Geld.“

Geld zum Kindergeburtstag?

Geldgeschenke… die kenne ich nur von Familienangehörigen, die sich nicht zutrauen, für die Jungen etwas auszusuchen und sie deshalb selbst auswählen lassen. Oder von Hochzeiten, bei denen die Gäste sich sozusagen indirekt an den Flitterwochen und den Kosten für die Hochzeitsfotos beteiligen. Oder von der Kommunion, zu welcher der Nachbar nicht das hundertste Kreuz oder Buch schenken mag und deshalb einfach 10 Euro in die Karte legt. Aber Geldgeschenke auf Kindergeburtstagen finde ich ziemlich befremdlich. Und auch bei Freunden in meinem Alter fällt es mir stets enorm schwer, Geld zu verschenken, wenn dies explizit gewünscht wird (was selten vorkommt). Es fühlt sich an, als solle man Eintritt für eine Feier bezahlen, kennt aber die konkreten Preise nicht.

In Europa sind Geldgeschenke nicht die Regel, in Japan hingegen durchziehen „kosai“ das ganze Leben: Man schenkt zu Reisen, Krankheiten, Berufswechsel, Hochzeiten,… Der Japaner führt dabei akribisch Buch über die erhaltenen Geldgeschenke und wird sie eines Tages zurückerstatten. Reziprozität ist also sehr wichtig. Weiß man, dass ein anderer wenig Geld hat, so fallen auch die geschenkten Geldbeträge niedriger aus, damit der andere sie jemals wieder zurückgeben kann.

Während in Japan Geldgeschenke also ganz selbstverständlich sind, tue ich mir schwer mit ihnen. Warum eigentlich? Es hängt wohl mit dem Anspruch an das Schenken zusammen. Typisch für Geschenke ist eigentlich, dass man ihren genauen Kaufpreis nicht kennen soll. Deshalb verschenkt man die Dinge ohne Preisettiket. Das Geschenk selbst und sein symbolischer Gehalt sollen im Vordergrund stehen. Beim Schenken geht es schließlich nicht wie im Handel um den Austausch von Waren, sondern um Beziehungspflege. Ein Geschenk soll sagen: Ich mag dich und möchte dir eine Freude machen. Im Idealfall sogar: Ich habe mir Gedanken über dich gemacht und deshalb habe ich genau dieses Geschenk ausgewählt.

Und da beginnt natürlich die Herausforderung, nämlich die Wahl des „perfekten Geschenks“. Mich stresst das regelmäßig, weil ich oft tatsächlich den Anspruch habe, etwas passendes zu finden. Und dann noch im aus meiner Sicht angemessenen preislichen Rahmen zu bleiben. Bei Kindergeburtstagen bewegt der sich zwischen 10 und allerhöchstens 20 Euro.

Besonders stresst mich übrigens Weihnachten, weil so viele liebe Menschen gleichzeitig zu beschenken sind. Daher müssen umfangreiche Recherchearbeiten erfolgen und unglaublich viele Entscheidungen getroffen werden. Jahrelang konnte ich mich dem entziehen, weil meine Eltern und ich geschenkeloses Weihnachten vereinbart hatten, als ich 11 Jahre alt war. Zu dieser recht entspannenden Strategie äußerte sich die Kultursoziologin Elfie Miklautz in einem Interview im Dezember 2017 – und rät mit folgender Begründung davon ab: „Wir möchten nun mal überrascht und beglückt und durch ein gelungenes Geschenk vom anderen sozusagen im Innersten erkannt werden. Wir brauchen Wertschätzung und Anerkennung. Geschenke sind ein geeignetes Kommunikationsmittel, um derartige Botschaften zu überbringen. Da schlicht darauf zu verzichten, das würde die Welt ein Stück kälter machen.“

Okay. Also weiter schenken. Ich komme eh nicht drum herum. Aber Frau Miklautz‘ Erläuterung ist letztlich auch eine Erklärung dafür, weshalb ich ungern Geld verschenke: Es macht die Welt in meinen Augen ebenfalls ein Stück kälter.

Eigentlich ist es ja absolut nachvollziehbar, dass man sich – egal ob Groß oder Klein – einfach Geld zum Geburtstag wünscht. In unserer Konsumgesellschaft können die meisten Leute sich selbst oder ihren Kindern zumeist ohne größere Probleme all das kaufen, was sie möchten. Schenkende weichen daher oftmals auf „Unnötiges“ aus, auf lustige, kleine Gimmicks, die zumindest einen Lacher hervorrufen, vielleicht noch ein „O-ha!“, aber eben eigentlich nicht nötig sind. Und dann hat der Beschenkte den Kram daheim und die Zimmer werden voller und voller. Es gibt jede Menge symbolische Geschenke ohne praktischen Wert, viele Menschen bevorzugen aber eher praktische Geschenke. Geld ist das praktische Geschenk schlechthin – ihm fehlt allerdings jeder Symbolwert. Das Minimum ist daher die hübsche Verpackung, die je nach Materialaufwand aber schon wieder albern sein kann, weil man mit der Gelddeko direkt wieder Geld für Kram ausgibt. In der AZ-Wochenendausgabe vom 16.6.18 gibt’s dennoch ein paar Tipps.

Alternativen

Eine Zwischenform von Geldgeschenk und „richtigem Geschenk“ sind Gutscheine. Hier wird immerhin ein spezifisches Interesse berücksichtigt: Bücherwürmer bekommen Gutscheine für eine Buchhandlung, Gestresste vielleicht Gutscheine für die Thaimassage, Leckermäuler für’s neue Restaurant. Man lenkt mit seinem Geschenk in eine bestimmte Richtung, doch die konkrete Detailentscheidung überlässt man dem Beschenkten, der selbst auswählen kann, welches Buch er lesen mag, wann er den Massagegutschein einlösen möchte und auf was er während des Restaurantbesuchs Hunger hat. Ich mag Gutscheine insgesamt ganz gerne, weil sie ein Mindestmaß an Ich-hab-über-dich-nachgedacht vermitteln und dem Beschenken zugleich noch einige Wahlfreiheiten lassen.

Geschenke hatten einst mit der Person des Schenkenden zu tun: Der Dichter schenkte ein Gedicht, der Imker Honig, der Schreiner etwas schönes aus Holz,… Auch heute noch finde ich es toll, wenn Leute Sachen verschenken, die sie selbst gemacht haben. Allen voran mag ich meine Tante und meinen Onkel hervorheben, die wahre Macher sind und von mir regelmäßig bewundert werden. Ihre Geschenke beglücken mich oft ganz besonders: Eine Auswahl selbstgemachter Marmeladen, ein Glas Honig, Apfelsaft von den eigenen Äpfeln, eine selbstgenähte Tasche,… Die beiden nehmen sich auch die Zeit, mit ihrem Können meine Ahnungslosigkeit zu kompensieren: Meine Tante kümmert sich um eine kaputte Naht an der Lieblingsbettwäsche, mein Onkel guckt, wieso das Fahrrad nicht richtig funktioniert,… Das ist großartig, denn es ist praktisch und persönlich zugleich. Und oftmals ist das, was eigentlich damit geschenkt wird, das Allerwichtigste: Aufmerksamkeit und Zeit.

Über das Thema Zeit habe ich bereits ein paar Zeilen geschrieben [hier]. Zeit habe ich regelmäßig zu wenig. Das liegt aber auch daran, dass ich so viel machen möchte, dass die Zeit mir einfach nicht reicht. Vor allem möchte ich regelmäßig die Menschen sehen oder hören, die mir wichtig sind. Und so fand ich es sehr schön, dass eine Werbeagentur (!) 2012 eine Kampagne entwickelte, mit der ich mich voll und ganz identifizieren konnte:

Zeit statt Zeug

Ein passendes Motto für eine Zeit, in der sich die Menschen zunehmend bewusst werden, dass sie nicht so viel Zeug brauchen, sondern Besitz auch zur Last werden kann, weil er Platz raubt und so manches Gedöhns einfach rumsteht und verstaubt, somit also sogar Arbeit macht. Statt einem Blumenstrauß einen gemeinsamen Spaziergang machen, statt neuen Klamotten gemeinsam den Kleiderschrank ausmisten, statt einem Restaurantgutschein gemeinsam Kochen,… „Zeit statt Zeug“ ist eine Kampagne gegen unsere Komsumgesellschaft und das Wetteifern um die größten, teuersten, ausgefallensten Geschenke. So wie bereits Kindergeburtstage teilweise ausufernde Dimensionen annehmen, hab ich mich auch schon darüber gewundert, wenn in manchen Kreisen Geschenke für um die 30 Euro an Grundschulkinder überreicht werden. Von ihren Freunden auf dem Kindergeburtstag – nicht von den Großeltern. Dem zu entgehen und stattdessen Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken – traumhaft!

Ich bin sehr froh, dass unsere Große zu den Menschen gehört, die materiell überaus genügsam sind. Diese Grundeinstellung zeigte sich bereits, als sie dreieinhalb Jahre alt war und sich langsam von ihrem heißgeliebten Schnulli verabschieden sollte. Damals stellten wir sie vor die Wahl: „Sollen wir die Schnullerfee anrufen, die dir ein schönes Geschenk bringt, oder magst du eine Schnullerabschiedsparty mit deinen Freunden machen?“ Ihre Wahl fiel ganz klar auf die Party! Und so freut sie sich alljährlich noch immer immens auf ihre Geburtstagsparties. Natürlich lässt sie sich gerne auch eine neue CD oder eine DVD schenken, aber eigentlich hat sie keinen großen Drang, etwas besitzen zu müssen. Sie leiht sich auch gerne etwas in der Bücherei aus, ganz altmodisch. Was sie sich allerdings selbst zulegen muss, weil man es recht schlecht ausleihen kann, ist ihr Sportequipment: Zu ihren Inlineskates bräuchte sie dringend wieder Schützer (die alten waren zu klein). Und sie wünscht sich ein neues Fortbewegungsmittel, egal ob es ein ordentlicher CityRoller mit großen Rädern oder ein Longboard ist. All das müsste ihretwegen nicht einmal neu sein. So wie sie gern die Klamotten übernimmt, die ihrer älteren Freundin nicht mehr passen, so ist sie auch bei allen anderen Gegenständen angenehm pragmatisch: Es muss nicht teuer sein, sondern einfach gefallen. Nicht Status zählt, sondern der persönlich beigemessene Wert.

Letztlich gilt wie bei allen Dingen des Lebens auch – und gerade! – beim Schenken:

Was immer du tust, tu es mit Liebe!

zeit-statt-zeug

Lektüre- und Hörhinweise:

Das Interview mit Frau Miklautz gibt’s unter: http://www.dw.com/de/soziologin-mit-dem-schenken-wird-auch-ein-machtverhältnis-etabliert/a-41604759

In der ard-Mediathek gibt es ein 85-minütiges Gespräch mit dem Philosophen Wilhelm Schmid zum Anhören: https://www.ardmediathek.de/radio/Lebenswert/Lebenswert-Vom-Schenken-und-Beschenktwe/hr2-kultur/Audio-Podcast?bcastId=27839928&documentId=48731890

Ein paar Literaturhinweise noch aus meiner Studienzeit:

  • Berking, Helmuth: Schenken. Zur Anthropologie des Gebens, Frankfurt/New York 1996.
  • Dressel, Gert/ Hopf, Gudrun (Hrsg.): Von Geschenken und anderen Gaben. Annäherung an eine historische Anthropologie des Gebens, Frankfurt u.a. 2000.
  • Schmied, Gerhard: Schenken. Über eine Form sozialen Handelns, Opladen 1996.
  • Bettina Keß (Hrsg.): Geschenkt! Zur Kulturgeschichte des Schenkens (Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung in den Volkskundlichen Sammlungen in Schleswig vom 9.12.2001 bis 3.3.2002), Heide 2001.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s