Adieu Grundschule! Vom Ende, dem Neubeginn und Hermann Hesse

Letzte Woche Freitag war er plötzlich da: Der allerletzte Grundschultag unserer Großen. Alle haben diesen Tag kommen sehen, aber dennoch ist man ungläubig, wenn es wirklich soweit ist. Sind die vier Jahre wirklich so schnell vorbei gegangen? Zunächst war es ein trubeliger Tag, der den Kindern wenig Zeit zum Durchatmen ließ: Abschlussgottesdienst in der Evangelischen Kirche, Aufführung der Musical-AG, Zeugnisübergabe und Sektumtrunk mit der Lehrerin. Bei der Übergabe des Abschiedsgeschenks wurde den Kindern dann doch sehr bewusst, dass gleich alle ihrer Wege gehen würden und man in dieser Runde vermutlich nicht mehr zusammenkommen wird. Auch unser Mädchen lag seiner Lehrerin zwischendurch in den Armen und weinte. Die Grundschulzeit war eben doch schön und die Menschen, mit denen man so oft zusammen war, wachsen einem ans Herz.

einschulung_49.jpg

Damals, als unsere Mausi in die erste Klasse kam, genoss sie das Schultüteauspacken, wollte aber zunächst eigentlich lieber wieder in den Kindergarten zurück, wo sie sich ebenfalls überaus wohl gefühlt hatte. Schule erschien ihr vergleichsweise langweilig und einengend. Aber sie machte da Beste draus. Nun steht schon der nächste Schritt an. Und sicherlich hat sie einen gewissen Respekt vor dem Gymnasium, da nicht nur ich ihr regelmäßig ankündige, dass wir zukünftig wohl mehr für die Schule tun müssen, damit sie gut durchkommt. Darum werden in den Ferien auch wieder die Diktate daheim geschrieben, für die während der Schulzeit (auf Grund all der Freizeitaktivitäten nach Schulschluss) kaum Zeit blieb. Das Kind muss zumindest in Deutsch fit sein, damit es sich in Ruhe auf Englisch konzentrieren kann, das ihr – so vermute ich – nicht ganz leicht fallen wird. Aber lassen wir uns überraschen. Die wichtigste Grundlage ist jedenfalls vorhanden: Vorfreude. Auf’s Englischlernen. Endlich die Texte englischer Lieder verstehen! Und dann fliegen wir nächstes Jahr nach Kanada oder in die USA und lassen sie die Bestellung beim Bäcker aufgeben und nach dem Weg fragen. Ich freue mich zudem besonders auf Erdkunde. Wir haben schon das Buch durchgeblättert. Interessante Themen, gut aufbereitet! Und ein paar WM-teilnehmende Länder habe ich sie auch schon im neuen Atlas suchen lassen. Mit Bezug zum eigenen Leben macht Lernen ja bekanntlich am meisten Sinn. Also gibt’s hier den Fußballbezug, um die Geographiekenntnisse auszubauen. Und ab Klasse 6 dann Französisch. Olala! Ich hab auch schon den Soundtrack für unsere Französischzeit gefunden: „Je ne parle pas francais“ von Namika. Und wie lustig wird es, wenn sie eines Tages Schüleraustausch in die Stadt macht, nach der eines unserer Spiele benannt ist: Carcasonne. Man muss sich Schule nur schön denken. Leider hat man während der Schulzeit zu wenig Zeit, sich in die Inhalte zu vertiefen. Ich bin ja immer recht bemüht, den Schulstoff von mehreren Seiten zu beleuchten und zusätzlichen Input zu geben. Aber wann? Gut, dass es Ferien gibt…

Ich weiß nicht, wie es bei euch so war, aber ich war gar kein Freund von „Schule“. Die Lehrer waren zumeist komisch und wenig inspirierend. Es galt einfach nur, vorgefertigte Themen abzuhandeln. Und davon hat mich vieles kein bisschen interessiert. Latein und Französisch waren ab dem zweiten Lernjahr jeweils grausam für mich, Mathematik erschien mir völlig unverständlich und sinnlos, Chemie fand ich zwar unglaublich faszinierend, kapierte es aber nicht. In Deutsch und Englisch war ich hingegen sehr gut, konnte mich jedoch genau genommen nur wenig dafür begeistern. Mein absolutes Lieblingsfach war Ethik – auch unabhängig von den Fähigkeiten des Lehrers. Daneben fand ich Sozialkunde/Erdkunde/Geschichte/Wirtschaft jeweils recht interessant – wobei hier wiederum auch der Lehrer eine wichtige Rolle spielte. In der Oberstufe belegte ich zusätzlich Psychologie und fuhr dafür sehr bereitwillig nachmittags an eine andere Schule, an welcher der Unterricht stattfand – einfach weil es spannend war. Ich hätte auch Psychologie studiert, wenn ich nicht so schrecklich wenig Lust auf Mathe gehabt hätte. Während meiner Schulzeit habe ich mich in der wunderbaren Würzburger Stadtbibliothek gefühlt durch alle Ausgaben der „Psychologie heute“ gelesen.

In der Mittelstufe hatte ich wirklich große Probleme und bekam Rückenschmerzen vom Mich-klein-machen im Französischunterricht, weil ich mich immer am liebsten unter dem Tisch versteckt hätte, um von unserer Lehrerin übersehen und nicht dran genommen zu werden. Es war grausam. Interessanterweise ging es dann in der Oberstufe wieder steil bergauf als die Lasten Latein, Französisch und Chemie von mir genommen und ich mit einem sehr verständnisvollen Mathelehrer gesegnet worden war (ich denke noch regelmäßig an ihn und schließe ihn in meine Nachtgebete ein). Am Ende hatte ich ein Abitur mit 1,3. Der Wahnsinn. Manchmal muss man einfach durchhalten, gemäß dem Postkartenspruch: Am Ende ist alles gut. Wenn nicht alles gut ist, ist es nicht das Ende.

Auf mein Abitur war ich damals sehr stolz. Aus heutiger Sicht bin ich es nicht mehr, denn in den letzten 15 Jahren hat sich natürlich so manche Erkenntnis eingestellt. Vor allem die Erkenntnis, dass es keine gute Idee war, primär für die Note zu lernen. Das war damals mein Hauptanreiz: Ich wollte viele Punkte haben. Gut dastehen. Und dadurch halbwegs entspannt sein, denn schlechte Noten führen bekanntlich zu Stress. Die Existenzängste der Mittelstufe und das Gefühl, absolut unfähig und dumm zu sein, wollte ich ungern noch einmal durchleben. Primär für die Note zu lernen mag üblich sein, aber es ist nicht wünschenswert. Daher gebe ich mir bei der Großen immer viel Mühe, um auch Interesse an dem zu wecken, was die Sachkundelehrerin ihrer Klasse als Lernstoff für den nächsten Test gibt. Und versuche ihr aufzuzeigen, wieso es ziemlich klug ist, verschiedene Aufsatzarten zu schreiben und damit tatsächlich etwas für’s Leben zu lernen (Wie schreibt man einen Brief? Auf was kommt es bei einem Rezept an? Was macht eine gute Geschichte aus?). Zusammenhänge herstellen, es mit dem eigenen Leben verknüpfen, Bedeutsamkeit schaffen,… Nicht einfach, aber so unglaublich wichtig! Ich hoffe sehr, Mausi kommt mit einem besseren Gefühl und mehr Freude an ihr Abitur als ich damals.

Und ich wünsche ihr natürlich eine tolle Klassengemeinschaft, nette Jungs und Mädels um sie herum, vielleicht ist sogar ein Seelenverwandter darunter. Sie ist ein so harmonischer, aufgeschlossener Mensch, dass sie mit den meisten anderen Kindern gut zurecht kommt. Sie wird sicherlich schnell Freunde finden. Und dennoch den alten Freunden aus Kindertagen treu bleiben, soweit es irgendwie möglich ist. Die Dorfkinder hier werden sich gewiss auch weiterhin über den Weg laufen, wenn sie Wert darauf legen. Vielleicht nicht so oft, aber aus Erfahrung wissen wir ja, dass echte Freundschaft dennoch bestehen bleibt und man auch nach Wochen und Monaten wieder an dem anknüpfen kann, was einen verbindet.

Ihr merkt es: Ich als Mutter bin vermutlich fast – oder mindestens? – so aufgeregt wegen des anstehenden Schulwechsels wie das Kind selbst. Ein bisschen sorgenvoll auf das Ungewisse blickend, zugleich aber sehr gespannt und vorfreudig. Statt voller Bedauern darüber zu klagen, dass etwas vorbei geht, wollen wir mit den Worten einer klugen Freundin „Danke, schön war’s!“ sagen. Und so ist es letztlich kein Verlust, dass die Grundschulzeit zu Ende geht, sondern ein Grund zur Dankbarkeit, dass es unserer Großen in dieser Zeit so gut ergangen ist.

Nun gibt es Neues zu entdecken, da wartet ein Abenteuer! Und dabei lassen wir uns von Hermann Hesse und seinem wunderbaren Gedicht „Stufen“, diesem wahren Klassiker, begleiten. Da es wirklich zu meinen Lieblingsgedichten gehört, möchte ich es an dieser Stelle mit euch teilen…

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegen senden,
des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s