Vom Texten, Kreativität und Emergency Kittens: Der Writing Slam an der Uni Mainz

Auf dem Campus der Johannes Gutenberg-Universität Mainz gibt es immer viel zu erleben. Gestern gab es gleich zwei kurzweilige Veranstaltungen direkt hintereinander im Kulturcafé: Zuerst wurde der SCHREIBSOMMER mit einem Writing Slam eröffnet, im Anschluss spielte die Impro-Theatergruppe „Die Affirmative“. Beides war unterhaltsam und inspirierend. Deshalb muss ich unbedingt davon erzählen! Zunächst vom Writing Slam.

Der SCHREIBSOMMER an der Uni Mainz wird von einer lieben Kollegin veranstaltet, die für die so genannte Schreibwerkstatt zuständig ist. Aber natürlich ist es keine One-woman-show: Ganz viele andere Bereiche der Uni sind ebenfalls mit ihren Angeboten rund um das Thema Schreiben beteiligt. Die Unibibliothek, verschiedene Fachbereiche, die Psychotherapeutische Beratungsstelle, das Ausländerinnenreferat,… Drei Wochen lang bieten sie den Studierenden Unterstützung beim Schreiben ihrer Hausarbeiten, geben Feedback auf Bewerbungsschreiben oder animieren auch zu kreativen Texten. Das Ganze wird garniert mit einem Rahmenprogramm mit Yoga und Entspannungsübungen sowie eben jenem Writing Slam, dem ich am Montagabend beiwohnte.

Für meine liebe Kollegin, welche die Veranstaltung organisiert hatte, begann der Montag dummerweise mit einem echten Alptraum: Von ihren sechs Vortragenden sagten zwei ab. Und die dritte Referentin musste mit einem Fragezeichen versehen werden, weil sich ihre Stimme über Nacht vorerst verabschiedet hatte. Katastrophal! Immerhin: Die Referentin mit der angeschlagenen Stimme war am Abend sprechfähig und beeindruckte mit einem höchst sympathischen Beitrag. Eine sehr angenehme Professorin aus der Romanistik – und aktuell sogar die Dekanin des Fachbereichs, an dem einst auch ich studiert habe. Doch auch die anderen Vortragen gewährten dem Publikum interessante Einblicke in ihre Schreibpraxis: Ein Amerikanist berichtete über die Wiskey- und die Coffee-Phasen beim Verfassen wissenschaftlicher Artikel; ein Historiker verriet seine Kreativitätstechniken, mit denen er sich im Bereich Marketing verdingt; ein Versicherungsmensch referierte über gute und schlechte E-Mails und ich lernte, was ein Emergency Kitten ist. Deutlich wurde bei alledem: Jeder hat seinen eigenen Stil, seine eigenen Bedürfnisse. Besonders faszinierend fand ich den kreativen Marketinghistoriker, der erzählte, dass er für jedes Projekt zunächst den perfekten Titel benötigt. Sonst gehe gar nichts. Wenn der ultimative Titel gefunden ist, dann sucht er sich das passende Musikstück und hört dieses in Endlosschleife bis der Text fertig ist. Einmalig!

Natürlich setzte beim Zuhören eine latente Selbstreflexion ein, für die an diesem trubeligen Abend allerdings noch keine rechte Zeit blieb. Erst jetzt überlege ich, was die Vorträge eigentlich in mir ausgelöst haben – und wie das bei mir mit dem Schreiben ist. Ich wollte schon schreiben können, als ich noch im Kindergarten war. Aber keine hat es mir beigebracht. Ich musste warten, bis ich es endlich in der Schule lernte. Wundervoll. Lesen und schreiben können!

Zunächst ein kleiner Exkurs zum Lesen: Bücher sind mein Lieblingsfluchtweg aus dem Alltag und zugleich – es mag vielleicht komisch klingen – ein wenig wie Beten. Ich lese fast ausschließlich Bücher, die irgendwie zu meinem Alltag passen, die mich potenziell weiterbringen könnten im Denken und Fühlen. Historische Romane lese ich deshalb fast nie, weil mir alles so weit weg vom Jetzt erscheint. Krimis lese ich seit den TKKG-Bänden von einst nicht mehr, weil Kriminalität und Verbrecherjagd erfreulicherweise ebenfalls nicht zu meinem Alltag gehören. Thriller ziehen, so mein Aberglaube, schlechtes Karma an, weil man sich mit den Abgründen der Menschen befasst. Und seit ich verheiratet bin lese ich auch keine Bücher mehr, in denen es um Singles geht, die die Liebe für’s Leben suchen. Was ich liebe sind Romane, die im Jetzt spielen, Biografien interessanter Menschen, Reiseliteratur, Erfahrungsberichte und Reportagen. Wenn ich eine Weile ohne gutes Buch lebe, bekomme ich tatsächlich schlechte Laune. Das merke ich immer wieder in den Phasen, in denen ich mir vornehme, mehr wissenschaftliche, „sinnvolle“ Literatur zu lesen und mir plötzlich der innerliche Ausgleich durch angenehme Lektüre fehlt. Ein Buch muss sich unkompliziert lesen lassen, darf aber nicht belanglos sein. So viel zum Lesen. Aber eigentlich wollte ich über das Schreiben schreiben. Das mochte ich auch immer gern. Am liebsten wegen seiner dokumentarischen Möglichkeiten.

Ich habe bereits in der vierten Klasse eine ganze Weile lang Tagebuch geschrieben. Und das hat sich in verschiedenen Lebensphasen wiederholt. Ich habe das erste Jahr mit meinem Liebsten komplett festgehalten. Die ersten E-Mails, die ersten Treffen, Gedanken und Gefühle, gemeinsame Erlebnisse. Und warum? Weil ich schon früh festgestellt habe, dass unser Gedächtnis überraschend kurz ist. Erstaunlich, was man alles vergisst! Gerade in einer Zeit, in der man viele Fotos macht, diese aber auf den Computerfestplatten lieblos ablegt und nie wieder ansieht, ist es wundervoll, wenn man das Erlebte bewusst festhält, damit es langfristig Erinnerungen werden. Man liest das Geschriebene nach einiger Zeit – und alles ist wieder präsent, als wäre es gestern gewesen. Sonst hätte man es einfach vergessen. Meine Lieblingsform zu schreiben, ist also das, was ich gerade hier tue: Festhalten, was war. Den Gedanken freien Lauf lassen und sie damit zugleich einfangen und bewahren. Man merkt meinen nostalgischen Charakter. Ich sollte doch noch anfangen, in einem Museum zu arbeiten. Im Herzen bin ich Archivar und Museumspädagoge, glaube ich.

Während meiner Schulzeit genoss ich es übrigens, meine Aufsätze während der Schulaufgaben unter Zeitdruck in einem Guss runterzuschreiben. In meinem fünfstündigen Deutschabitur hatte ich ein echtes Flow-Erlebnis, das mich noch heute beeindruckt. In der Art meiner Schulaufsätze schreibe ich auch meinen Blog. Zwar ohne Zeitdruck, aber aus dem Kopf und natürlich aus dem Herzen heraus, Satz für Satz im Fluß. Dabei kommen keine durchdachten Großartigkeiten heraus wie bei dem marketingaffinen Historiker des Writing Slams, der stets erst einmal 60 potenzielle Titel für seine Schreibprojekte entwickeln muss, bevor er eigentlich startet. Was aus meiner Feder fließt – bzw. auf meiner Tastatur getippt wird – ist nicht wahnsinnig eloquent, aber es ist 100 Prozent Yasmin. Nun muss ich nur noch einen Weg finden, wie ich den Spaß am Schreiben mehr in meine Arbeit einbringen kann. Um Evaluationsberichte zu verfassen, ist eine ausführliche Vorarbeit nötig und reichlich Datenauswertung (von Worten oder Zahlen). Die Bedeutung der Ergebnisse muss reflektiert und immer wieder abgewogen werden. Was ist wichtig? Welche Zusammenhänge gibt es? Eigentlich spannend. Aber mitunter einfach langwierig, so dass ich mich oftmals frage, ob es angemessen ist, so viel Zeit auf einen Bericht zu verwenden. Oder auf eine E-Mail, die mit Bedacht formuliert werden will. Ich muss noch dran arbeiten, mehr Drive in meinen Schreibprozess am Unischreibtisch zu bekommen. Die Dame von der Schreibwerkstatt hat dafür einige Tipps und Tricks – ich sollte mir ein paar Anregungen holen.

Ich bin gespannt, ob die Studierenden die vielfältigen Angebote des SCHREIBSOMMERS nutzen werden. Ach, die Uni hat so viel zu bieten. Irgendwann wenn die Kinder groß sind und ich vermutlich nicht mehr als wissenschaftliche Mitarbeiterin arbeiten werde, muss ich wieder in Campusnähe ziehen. Meine Vision ist es, dann abends gemütlich auf den Campus zu laufen und dort das Kino in der Muschel, interessante Vorträge des Studium generale und Jazzkonzerte an der Musikhochschule zu besuchen. Vielleicht raffe ich mich sogar auf und nutze das umfangreiche Angebot des Hochschulsports. Das wird ein Spaß! Aber zunächst hatten wir gestern Spaß beim Improtheater – nach dem Writing Slam.

Ach ja, wer sich noch immer fragt, was ein Emergency Kitten ist: Es ist ein Foto von einem süßen Kätzchen, dass man sich ansieht, wenn man „in Not“ ist oder eben – wie im Falle des Referenten – die Krise wegen einer doofen Mail bekommt. Könnt ihr euch per Bildersuche im Internet ausgeben lassen. Wieder was gelernt…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s