Improtheater meets Musik

Wann war ich eigentlich das letzte Mal auf einem Benefizkonzert? Es muss ewig her sein. Umso besser, dass sich gestern unsere Anwesenheit auf einer solchen Veranstaltung ergab, auf der man für einen guten Zweck Spaß haben kann, weil sich tolle Künstler auf die Bühne begeben und mit ihrem Können das Publikum unterhalten. „Improvisationstheater meets Musik“ wurde zugunsten des Mainzer Thaddäusheims für obdachlose Männer durchgeführt. Die Einrichtung begeht in diesem Jahr ihren 80. Geburtstag, was natürlich ein guter Anlass zu feiern ist. Diesen Samstagabend verbrachten wir im Gemeinschaftssaal der Bonifatius-Gemeinde. Kennt ihr sie, die Kirche zwischen Bahnhof und Boppstraße? Dort trafen wir gegen 18.30 Uhr ein, während sich unser Babysittermädel daheim um die Kinder kümmerte.

Der Abend begann, unsere Freunde trudelten ebenfalls noch rechtzeitig ein und gesellten sich zu uns in die erste Reihe. Der Raum war mit Biertischbänken möbliert worden, die Dekoration bestand aus Luftballons, ein paar Lichtelementen und viel weißer Wand mit weißem Licht. Eine voll gestellte Bühne beeindruckte mit reichlich Kabeln zwischen den Instrumenten, Mikrofonen und weiteren Gerätschaften sowie zwei altmodischen Stühlen zwischen alledem. Flair ist anders. Aber dann doch wieder nicht, denn alle Anwesenden verströmten Heiterkeit, die Organisatoren erwarteten den großen Abend mit sichtlicher Spannung und für kühle Getränke sowie Snacks war gesorgt worden. Da saßen wir nun und waren bereit, uns überraschen zu lassen…

Eigentlich wollte ich euch über den heutigen Abend gar nichts erzählen, um euch nicht zu langweilen. Wir wollten zum Improtheater gehen. Wieder mal. Und sogar zur selben Gruppe, von der ich bereits vorgeschwärmt hatte, „Die Affirmative“. Damit wollte ich euch nun nicht schon wieder kommen. Aber wie ihr seht, nun tu ich es doch, denn dieser Abend war etwas besonderes! Gut, Improvisationstheater hat die schöne Eigenart, dass jede Show einzigartig ist und es immer großartige Momente gibt, viel zu lachen und zu staunen. Aber heute faszinierten mich gerade auch die musikalischen Beiträge der anderen Künstler, die ich bislang nicht gekannt hatte.

Der Abend begann mit Oliver Mager. Ein sympathischer Typ, der vermutlich primär für seine Fastnachtslieder bekannt ist, aber auch Kinderlieder schreibt und Mainz sozusagen musikalisch bewirbt. Nun, ich bin bekanntlich kein Fastnachter und auch kein Schunkeltyp, aber es gelang dem hoch motivierten Sänger mit seinen drei Songs und reichlich Publikumsinteraktion die Menschen aus der Lethargie des Konsumenten zu reißen. Singt, Leute! Und wir sangen. Loblieder auf Mainz wie „Verliebt in eine Stadt„. Das war lustig, wenn man sich darauf einlässt. Und der Saal war willig. Der Kaltstart war gelungen und die Leute für’s daran anschließende Impro bereits in bester Stimmung.

Der zweite musikalische Act nach einigen Impro-Szenen waren „Silvie & Friends“: eine Lady mit tollen Locken am Mikro, begleitet von Cajon, Gitarre und Geige. Sie war so charmant und mit einer schönen, klangvollen Stimme gesegnet, dass ich mich mit der Liedauswahl rasch arrangieren konnte. Weder Sades „Smooth operator“ noch George Micheals „Faith“ treffen meinen Musikgeschmack. Im Radio hätte ich beide Lieder definitiv weggeschaltet, doch Silvies Stimme, ihre Ausstrahlung und die tolle Band ließen mich aufmerksam lauschen. Es folgte noch ein drittes Lied, von dem sie bereits zu beginn sagte: „Das kennen nur Madonna-Fans. Richtige Madonna-Fans!“ Mir war es somit neu. Euch vermutlich auch. Aber sie hatte recht: Es transportiert so eine schöne Botschaft, dass es verdient hat, mehr ins Bewusstsein gerückt zu werden.

Keep it together!

[…] Home is where the heart should be
Keep it together in the family
They’re a reminder of your history
Brothers and sisters, they hold the key
To your eart and your soul
Don’t forget that your family is gold. […]

Nun habe ich keine Geschwister, aber natürlich doch eine Familie. Meine Herkunftsfamilie mit lieben Eltern, meine „neue“ Familie hier in Mainz, die ich in wenigen Stunden zum Geburtstagskuchenessen sehen werde, und meine eigene Familie, die wir uns selbst geschaffen haben. Mit diesen beiden großartigen Kindern, die ich sehr verehre für ihre wunderbaren Charaktere und dafür, dass sie mich so oft durch ihre tolle Art bezaubern. Und dabei bin ich ja grundsätzlich so ein grummeliger Typ, der nie mit etwas zufrieden sein kann, befürchte ich manchmal. Da ist auch die Familie nicht immer genug, fällt mitunter zur Last. Aber das ist natürlich letztlich völliger Quatsch. Obwohl nicht immer alle im Lilalauneland schwelgen und manchmal auch genervte Töne zu hören sind, bildet die Familie doch den sicheren Hafen in stürmischen Zeiten – und in windstillen Zeiten zumindest die Hafenkneipe, in der man sich gut unterhalten kann. So sollte es zumindest sein. Und jeder kann seinen Beitrag leisten, damit es tatsächlich so ist: Einander aufmerksam zuhören, Verständnis füreinander haben, offen sein, gemeinsam das Leben erleben,… damit kommt man nicht nur miteinander weiter, sondern sich auch näher. Darum los, ihr Lieben, teilt euer Leben und eure Gedanken und seid aufmerksam für eure Mitmenschen. Vor allem für die Menschen, die eure Familie sind – und damit leicht zur Selbstverständlichkeit werden.

Lasst mich nun noch zum dritten musikalischen Beitrag kommen, der nach einer halbstündigen Pause folgte: Als das Publikum wieder Platz genommen hatte, betrat ein junger Mann die Bühne. Max Grosche alias „am i millionaire„. Ohne Schuhe, aber mit Gitarre. Es war ein Auftritt, bei dem ich oft das Wort „eigentlich“ dachte: Eigentlich mag ich Bärte bei Männern nicht – aber der junge Mann dort vorne ist dennoch ein schicker Typ. Eigentlich mag ich keine Instrumentalmusik – aber diese Musik ist auch ohne Gesang und Text wirklich schön. Und als Max dann erläuterte, dass sein nächster Song „Dancing“ hieße, aber bislang noch nie jemand getanzt hatte, dachte ich mir: Eigentlich tanzt jedes Mal jemand zu diesem Lied. Nämlich der Gitarrist selbst. Es war faszinierend zuzusehen, wie er in seine Musik abtauchte und sich beim Spielen bewegte. Das war sehr viel mehr als der übliche wippende Fuß. Gerne hätte ich mich irgendwo auf den Boden gelegt, die Augen geschlossen und einfach zugehört. Mich davongeträumt. Aber zugleich war es spannend, ihm zuzusehen. Wie gelingt es ihm eigentlich, all diese Töne zu erzeugen?

Die Affirmative hatte es nicht leicht, an diese besondere Stimmung anzuknüpfen. Und tatsächlich war ich ein kleines bisschen traurig, dass sie uns wieder aus unseren Träumen rissen. Es wurde wieder lustig, geistreich, facettenreich. Auch heute waren sie klasse. Während ich dies schreibe, merke ich allerdings, dass mich die musikalischen Beiträge wirklich spürbar in ihren Bann gezogen hatten. Deshalb sitze ich hier mitten in der Nacht und schreibe diese Zeilen, obwohl ich längst schlafen sollte. Es ist fast 3 Uhr morgens. Ich erlaube mir daher, an dieser Stelle doch müde zu werden und beschließe meine Erzählung mit einem Verweis auf die abschließende Band nach der zweiten Improrunde, die ebenfalls sehr schön anzuhören war: „Anna and a riot“. Man sollte sie mal anhören, wenn sie auf einer „echten Bühne“ stehen, ohne dieses grässliche Weißlicht, aber mit tanzendem Publikum. Sicherlich großartig! Habe eben ein Interview mit Anna alias Lea und ihren Jungs entdeckt, an das sich ein kleiner Ausschnitt aus einem Lied befindet, das die Band auch heute gespielt hat.

Danke für den schönen Abend mit so vielen tollen Künstlern auf einem Fleck, ganz nah und wunderbar!

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