Gedanken zur Kerbezeit: Vom Landleben in der Stadt

Übers Wochenende ist in Ebersheim Kerb gewesen. Oder Kirchweih, wie es wohl korrekterweise heißen müsste. In Ebersheim (wie übrigens auch in Finthen) fällt dieses Fest stets auf das zweite Septemberwochenende und reiht sich damit ein in die Liste der örtlichen Feierlichkeiten. Man trifft sich an Fastnacht zur „Rathauserstürmung“, an Pfingsten auf der Weinwanderung, Anfang Juli zum Weinfest, im August zum Radrennen, im September zur Kerb, im November beim Martinsumzug und zu Beginn der Adventszeit auf dem Ebersheimer Weihnachtsmarkt. Dazwischen gibt es noch all die Festchen der Vereine, der Schule, der Kindergärten, der Kirchen, die Angebote der diversen Winzer und ihrer Straußwirtschaften,… Immer kommt also eine Gelegenheit, um mit entfernten Bekannten auf einen Plausch und mit guten Freunden auf ein Getränk zusammenzukommen.

Im Herzen bin ich ein Stadtkind. Behaupte ich zumindest, denn genau genommen, kann ich es gar nicht beurteilen. Ich habe noch nie in der Innenstadt gelebt. Meine Kindheit verbrachte ich in zwei größeren Gemeinden einige Kilometer von Würzburg entfernt, mein Gymnasium befand sich nicht im Würzburger Zentrum, sondern im Stadtteil mit dem spannenden Namen Frauenland. Während meines Studiums in Mainz wohnte ich zunächst am Hartenberg, später im Münchfeld und schließlich in Finthen. Nun sind wir seit ein paar Jahren in Ebersheim. Aber irgendwann, so der Plan, irgendwann werde auch ich mal ganz nah am Zentrum leben, im Trubel, zwischen all den vielen Freizeit- und Shoppingangeboten. Dann werde ich ständig ins Kino gehen, ins Theater, spontan auf Konzerte in kleine Bars, viel außer Haus essen, meine Zeitung im Cafe um die Ecke lesen und natürlich durch die Stadt flanieren. Bis dahin sollte ich mein Geld sparen, denn ich befürchte, das könnte teuer werden 😉 Ein Nachteil von Ebersheim ist zugleich ja ein großer Vorteil: Es gibt hier nicht zu viele Möglichkeiten, sein Geld loszuwerden. Man trägt es primär zu Rewe oder Aldi, in den Blumenladen, in ein Restaurant oder zum Bäcker,… die Kinder tragen es in den Schreibwarenladen zum Süßigkeitenkaufen.

Obwohl ich also in mir eine Sehnsucht nach „Stadt“ habe, muss ich zugeben: Dieser beschauliche Flair und die regelmäßige Freude darüber, dass man beim Einkaufen in unserem Stadtteil-Dorf IMMER jemanden trifft, den man kennt – das sorgt für ein Gefühl von Heimat. Von Vertrautheit. Hier gibt es die Anonymität der Großstadt nicht, hier kennt man sich. Zumindest, wenn man das möchte. Als Erwachsener muss man nicht zwangsläufig wie ein bunter Hund im Ort bekannt sein. Aber sobald man sich ein wenig interessiert oder sogar engagiert, kommt man in Kontakt. Und mit Kindern – und Hunden?! – natürlich auch, wenn man das möchte. Aber es geht gar nicht so sehr darum, was WIR wollen, sondern vor allem darum, dass es den Kindern hier blendend geht. Als Grundschulkind lernt man mehr oder weniger alle anderen Kinder des Ortes kennen, die ein bis zwei Jahre jünger bzw. älter sind. Wer ins Jugendzentrum geht oder beim Zeltlager mitfährt, erweitert seinen Bekanntenkreis noch um weitere Jahrgänge. Und auch wenn die Kinder natürlich nicht mit jedem gut Freund sind – sie kennen einander zumindest und bilden eine große Gemeinschaft, in der keiner verloren geht, weil immer jemand anderes in der Nähe ist, der im Zweifelsfall helfen kann. Klar, auch hier im Ort gibt es komische Vögel und Unruhestifter – aber im Großen und Ganzen machen unsere Kids einen überaus zufriedenen Eindruck und haben die Spinner unter ihren Mitmenschen kollektiv ganz gut im Griff.

Ich freue mich regelmäßig darüber, dass unsere Kinder in einer so behüteten und übersichtlichen Umgebung aufwachsen, in der ihnen Menschen und Orte vertraut sind. Meine Kindheit war anders. Ich kannte kaum jemanden im Dorf, weil ich nie am jeweiligen Ort in den Kindergarten oder in die Schule ging und kein Vereinsmensch war. Meine Eltern waren offensichtlich auch nicht auf Geselligkeit aus, sondern wollten ihren Feierabend lieber in Ruhe daheim verbringen. Aus heutiger Perspektive etwas, das total wider meine Natur ist, denn ich bin wirklich ein leutseliger Mensch und liebe es, bekannte Gesichter zu sehen. Aber damals kannte ich es nicht anders.

Und so stellen sich kurz bei mir die Nackenhaare auf, wenn wir 14 Karussell-Chips für 20 Euro kaufen, damit der Junior vom Kerbefreitag bis zum Montag täglich ein paar Runden drehen kann. Und es gruselt mich, wenn die Große zeitgleich das Geld am Schießstand beim Rosensammeln verpulvert. Aber nur so kommen die Schausteller wieder, die eben zu einer Kerb dazu gehören. Und nur wenn man sein Mittagessen am Tag des Ebersheimer Weinpreises an die Radrennstrecke verlegt und dadurch die Vereine unterstützt, die mit ihren Verkaufsständen Geld für die nächste Saison einnehmen, nur dann gibt es weiterhin ein blühendes Vereinsleben.

Wie traurig wären auch Veranstaltungen, die mit viel Engagement organisiert werden – und dann kommt keiner?! Man muss seinen Ort und die kleinen Events unterstützen, damit das Dorfleben lebendig bleibt und wir auch in Zukunft schöne Gelegenheiten haben, miteinander ins Gespräch zu kommen.

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