Ein Weib im Weinberg. Von Höhen, Tiefen und einer späten Liebe

Seit einigen Wochen treibe ich mich fast täglich in den Weinbergen herum, in die ich von unserem Zuhause aus nach etwa 200 Metern eintauchen kann. Wenn unser Ebersheimer Wingertshäuschen Gedanken lesen könnte, dann hätte es in letzter Zeit einiges von mir erfahren und sich vermutlich gut unterhalten gefühlt. Ich hatte viel Musik im Kopf, war voller Abenteuerlust und zugleich doch auch nachdenklich. (Also eigentlich wie immer?!)

Und immer wenn ich mich sortieren muss, dann will ich spazieren gehen. Und wenn ich mir etwas Gutes tun will, dann gehe ich ebenfalls gern spazieren. Während ich in den vergangenen Jahren die Höhen und Tiefen der Weinberge möglichst vermieden habe, weil ich sie schlichtweg nur anstrengend fand, genieße ich das Auf und Ab seit Neustem. Irgendein Schalter hat sich in meinem Herzen umgelegt: Nachdem ich unsere Weinberge bislang nicht besonders mochte, habe ich mich plötzlich in sie verliebt und sehe sie mit anderen Augen.

In Ebersheim sind wir vor einigen Jahren eher zufällig gelandet. Im „Weindorf in der Stadt“, wie sich dieser etwas abgelegene Mainzer Stadtteil so passend nennt, waren die Eigenheime noch vergleichsweise bezahlbar, die Busverbindung ordentlich, der Fluglärm übersichtlich… und dann fiel uns unser Grundstück zu guten Konditionen vor die Füße, ohne dass wir lange danach gesucht hätten. Also griffen wir damals direkt zu. Das Häuschen wurde gebaut und irgendwann zogen wir von Finthen nach Ebersheim.

Damals ahnte ich nicht, dass ich Finthen noch lange vermissen würde, den berühmten Obst- und Spargelstadtteil, der bei jeder Mainzer Fastnachtssitzung durch den Kakao gezogen wird (was ich bis heute nicht verstehen kann!). Seit Jahren muss ich nun auf eine Eisdiele im Ort verzichten! Gut, mein Bauch und mein Geldbeutel sind dankbar und das ist wirklich Jammern auf hohem Niveau, aber ihr kennt ja vielleicht meine große Vorliebe für die wunderbare Kombination „Spielplatz & Eis“. Und wisst, dass ich dazu neige, auf hohem Niveau zu Jammern… Es war aber natürlich nicht nur die Eisdiele, der Dönerladen, der Kinderarzt vor Ort, die schönen Spielplätze, die gute Busverbindung an die Uni, unsere nette Nachbarin,… meine Spaziergängerseele ist einfach auch ein großer Fan der Finther Obstfelder! Im April, wenn alles so wunderschön blüht, sind sie absolut unglaublich! Aber selbst im Novembermorgennebel haben die dann kahlen Obstbäume einen ganz besonderen Charme. Hier drehte ich damals regelmäßig meine Runden und fand es zu jeder Jahreszeit überaus wohlfühlig.

In Ebersheim musste ich mich umstellen. Wie in den Tagen meiner Kindheit (in Veitshöchheim bei Würzburg) war ich nun wieder von Weinbergen umgeben. So wie ich mich nicht für Wein begeistern kann, so vermochte ich auch nicht, mich für die dazugehörigen Weinberge zu erwärmen. Im Herzen bin ich ein Flachlandläufer und würde am liebsten immer im Kreis um einen idyllischen See herumschlendern. Das Auf und Ab der Weinberge war so gar nicht mein Ding. Jahrelang habe ich deshalb ziemlich gelästert. Aber heute möchte ich ein Loblied auf die Welt singen, die mich hier umgibt. Die Weinberge zwischen Ebersheim, Harxheim und Zornheim sind in diesem Sommer tatsächlich zu meinen Freunden geworden.

So viele Wege, die man gehen kann. Man könnte jedes Mal eine andere Strecke wählen. Lange bin ich immer denselben Weg gelaufen. Mittlerweile variiere ich ständig, gehe tiefer ins Tal und kraxle dann wieder nach oben. Mit einer anderen Mutter zusammen gehe ich dagegen immer dieselbe Runde über Zornheim, die ziemlich genau eine Stunde dauert. Zornheim ist ohnehin gedanklich näher gerückt. Vor zwei Wochen waren eine Freundin und ich mit unseren Kids unterwegs und hatten ebenfalls Zornheim als Ziel ausgewählt. Genauer gesagt den Spielplatz dort. Unser Junior ist an diesem Tag zum ersten Mal mit einer Seilbahn gefahren. Hurra, was ein Spaß!

Bald muss ich mal die Hiwweltour Zornheimer Berg gehen, um noch etwas Abwechslung ins Programm zu bringen. Aber grundsätzlich bin ich gerade gar nicht so anspruchsvoll und genieße es, einfach vor der Haustür zu starten ohne erst irgendwohin fahren zu müssen.

Der idyllischste Ort zum Verweilen ist eine Bank mit Blick auf Harxheim. Ein Teil unserer Familie wohnt übrigens dort unten im Nachbarort. Bei Familienfeiern ist also bereits die Anreise fester Teil meines Programms, denn in der Regel bewege ich mich zu Fuß dorthin. Die Große begleitet mich mittlerweile auch gerne, denn genau genommen muss man einfach den Berg hinab rollen und dann einmal quer durch den Ort.

Ebersheim ist der höchstgelegene Mainzer Stadtteil. Wir haben Blick bis zur Frankfurter Skyline! Und in der Abenddämmerung sehen wir die Lichter des Frankfurter Flughafens, der hell bis zu uns herüber leuchtet. Die Flugzeuge leuchten am Himmel wie Sterne – nur, dass sie sich bewegen. Rhein-Main-Romantik in den Ebersheimer Weinbergen.

Wer mag mit mir das Auf und Ab zwischen herbstlichen Reben genießen? Ich bin immer auf der Suche nach Begleichung. Bei Bedarf einfach melden!

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