Lesezeit! Von Bücherorten und schönen Geschichten

Draußen ist es mittlerweile nicht nur herbstlich bunt, sondern auch kühler geworden. Die Spielplatzzeiten werden kürzer, die Sofazeiten länger. Wir kuscheln uns zu Hause ein, zünden eine Kerze an und machen es uns mit kurzweiligen Geschichten gemütlich. Es ist Lesezeit! Und deshalb möchte ich heute gerne über die schönste Nebensache der Welt schreiben: Das Lesen.

Ein Buch, dass wir seit Monaten immer wieder gerne lesen, ist die Geschichte von Ignatz Igel und dem Möp. Das Möp ist ein Pinguinbaby, das eines Tages bei Ignatz strandet, als der es sich mit einer Tasse Tee gemütlich machen möchte. Und so begeben sich die beiden auf die Suche nach Möps Zuhause. Bei diesem Abenteuer finden sie nette Freunde, die sie begleiten und die ihnen helfen, stets den richtigen Weg einzuschlagen. Und hier kommt das Besondere an diesem großformatigen Bilderbuch: Ganz charmant wurden Labyrinthe eingebaut, so dass das fleißige Kind auf dem Sofa direkt bei der Suche nach Möps Heimweg mithelfen kann. (Zwei keine Randnotizen: 1. Als ich eben nochmal nach dem Namen des Autors recherchiert habe – Dirk Hennig – stellte ich erfreut fest: Ignatz Igel hat zwischenzeitlich noch zwei weitere Abenteuer erlebt, die er mit uns teilen möchte. Hurra! 2. Das Buch wird vom Arena Verlag herausgegeben – wie so viele Kinderbücher. Und wo ist der beheimatet? In meiner Heimatstadt Würzburg! Also unterstützt ihn fleißig!)

Ignatz und die Freunde finden Möps Eltern natürlich, so viel sei verraten. Das Thema „Suchen“ beschäftigt noch mehr Bücher, es gibt sogar eine ganze Bilderbuchgattung, die dazu ermuntert, genau hinzuschauen und die Augen nach interessanten Details aufzuhalten. Es sind Wimmelbücher! Und ich bin definitiv ein Wimmelbuchfan! Ohne vorgefertigten Lesetext die gemalte Welt zu erkunden, finde ich spannend und entspannend zugleich. Besonders schön sind Wimmelbücher für mich, wenn die Figuren über mehrere Seiten hinweg auftauchen und man auf diese Weise ihre Geschichte verfolgen kann. So wie bei „Wo rennt Rudi?“ von Thorsten Saleina. Dieses auch für Erwachsene hübsche Wimmelbuch hatten wir irgendwann vor langer Zeit einmal in der Bücherei ausgeliehen und ich wollte es im Nachgang gerne bestellen, weil es mir wirklich gut gefallen hat. Dummerweise war es nicht mehr lieferbar. Aber ich hatte es mir auf der Website eines großen Onlineversandhandels gespeichert und darauf gelauert, es eines Tages gebraucht zu bestellen. Und heute Nacht war es soweit. Klick! Im November rennt Rudi für etwa 5 Euro in unseren Briefkasten. Ich versuche ja generell, unseren Bücherbestand übersichtlich zu halten, aber manchmal schließe ich mich dem Nietzsche zugeschrieben Werbeslogan aller Buchhändler an: „Ein Buch, das man liebt, darf man nicht leihen, man muss es besitzen!“ Und Rudi blieb mir nun wirklich lange im Gedächtnis.

Bücher waren für mich schon immer sehr bedeutsam. Wie vermutlich jedes Kind habe ich es geliebt, vorgelesen zu bekommen und konnte meine Lieblingsbücher als Kindergartenkind bald auswendig. Meine Oma fand das damals wohl sehr unterhaltsam, wenn ICH dann IHR aus meinen Bilderbüchern „vorgelesen“ habe. Ich wollte als kleine Yasmin so gerne lesen und vor allem auch schreiben lernen, war aber leider nicht imstande, es mir selbst beizubringen. Auf die Schule freute ich mich entsprechend riesig! Jedoch hatte ich wohl nicht damit gerechnet, dass damit auch eine gemütliche Zeit zu Ende gehen würde. Die des Vorgelesenbekommens. Meine Mutter nötigte mich zum Selberlesen, sobald ich dazu in der Lage war. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich das damals ziemlich doof fand. Aber vor die Wahl gestellt „Buch oder kein Buch“ entschied ich mich eindeutig für die Bücher. Vermutlich war diese Entscheidung in unserer Familie naheliegend, denn auch meine beiden Eltern saßen oft genug mit einem Buch auf dem Sofa. Lesen gehörte in unserer Familie irgendwie zum Leben wie der Vorabendkrimi, der täglich über den Bildschirm flimmerte. Ganz lange verschlang ich – ganz mädchentypisch – Pferdebücher, später mutierte ich zu einem großen TKKG-Fan. Nach der Grunschulzeit hatte ich eine kleine Zeitschriften-Phase, abonnierte Bravo GIRL und gewann in einem Preisausschreiben zusätzlich noch ein einjähriges BRAVO-Abo. Bildungslektüre für Pubertiere sozusagen.

Büchereien spielten in meinem Leben eine große Rolle. Ich kann mich noch gut an die Samstagsvormittage erinnern, die meine Mutter und ich in der Veitshöchheimer Bücherei verbrachten. Diese ist in einem stillgelegten Bahnhof untergebracht, hat also einen besonderen Flair und war damals einer meiner absoluten Wohlfühlorte. Als ich später aufs Gymnasium ging und ab der 7. Klasse nicht mehr in die dortige Nachmittagsbetreuung musste (Freiheit!!!), war es dann die Würzburger Stadtbücherei am Marktplatz, die mir ein Zuhause gab. Es ist wirklich eine wunderschöne Bücherei! Ich könnte dort wohnen! Hier habe ich stundenlang gestöbert, gelesen und zwischendurch zur Entspannung einen der jungen Büchereimitarbeiter angeschmachtet. Übrigens entwickelte ich schon in dieser Zeit meine Zuneigung für Sach- und Fachbücher und trieb mich gerne in der Psychologie- und Pädagogikabteilung, manchmal auch in der Kunstgeschichte herum. Ohne den Anspruch, mir alles merken zu wollen, sondern einfach aus purer Freude an den gedruckten Worten, die zusammengenommen so interessante Sachen berichteten.

Meine Kinder möchte ich natürlich auch gerne mit der Bücherwelt befreundet sehen. Wir haben schon bei der Großen immer fleißig vorgelesen. Noch fleißiger wohl als heute beim Kleinen, bei dem es auch etwas länger gedauert hat, bis er in all seiner Wuseligkeit den ersten kompletten Geschichten lauschte. Aber zwischenzeitlich vermag es die Aussicht auf ein, zwei Gutenachtgeschichten ihn sogar ins Bett zu locken, diesem aus meiner Sicht großartigem Ort, den Kinder aus mir unerfindlichen Gründen möglichst lang am Abend meiden möchten (ich habe schon immer gern und viel geschlafen). Ich bin gespannt, wie sich die Beziehung der Kinder zu Büchern weiterentwickeln wird. Die Große kommt auf jeden Fall bislang nicht nach mir. Der Griff zum Buch erfolgt weder automatisiert, noch handelt es sich dabei um einen Akt der Freude. Bevor sie sich ein Buch nimmt, fallen ihr viele andere schöne Dinge ein, die sie lieber tun würde. Sie hat vor lauter Aktivität also kaum Zeit zum Lesen. Und vielleicht sollte ich deshalb nicht traurig sein: Sie lebt ihr Leben, während ich oftmals „nur“ darüber gelesen und mich in anderer Menschen Leben hinein geträumt habe. Während ich mich in meine Buchstabenwelt kuschle, springt sie auf dem Sportplatz herum und wird vermutlich ihr Leben lang deutlich fitter sein als ich. Prioritäten sind einfach unterschiedlich. Sie schlägt wohl eher nach der männlichen Linie der Familie. Da helfen auch frühkindliche Besuche in der Mainzer Unibib wenig.

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Umso mehr freue ich mich, wenn es doch Momente gibt, in denen die ganze Gemütlichkeit und Behaglichkeit, die ich zwischen Büchern empfinde, auch für ein paar Minuten auf die Kids überspringt. Auf unserer Koreareise entdeckte ich eine schöne Buchhandlung, aus der ich natürlich nur schlecht wieder rauszubekommen war. Aber auch die Kinder fühlten sich dort wohl und so kam es dazu, dass die Große sich einige Märchenbücher schnappte und ihrem kleinen Bruder die Geschichten von des Kaisers neuen Kleidern und den Bremer Stadtmusikanten erzählte. Vorlesen konnte sie ja nicht – alles war auf koreanisch.

Leider konnte ich meine unterfränkischen Heimatbüchereien vor 15 Jahren nicht mit nach Mainz umziehen und zugegebenermaßen habe ich eine ganze Weile gebraucht, um mich an die hiesige Anna-Seghers-Bücherei zu gewöhnen, deren spezieller Charme eher in ihrer irgendwie pragmatischen Ausstrahlung liegt. Aber die Lage am Hauptbahnhof ist natürlich top! (Wer noch nicht da gewesen sein sollte: orientiert euch am Bahnhof in Richtung der beiden großen Bonifatiustürme, dann könnt ihr den Eingang zur Bücherei nicht verfehlen.) Gerade der Bestand an Kinder- und Jugendliteratur ist zudem sehr umfangreich und thematisch breit gefächert. So viel (Lese-)Spaß für so wenig Geld (12 Euro pro Jahr) – das ist definitiv prima!

Falls ich eines Tages überraschend zu viel, viel Geld kommen sollte, erinnert mich bitte daran, dass ich den Mainzern ein schönes Büchereigebäude stifte, einen Ort des Wissens und des Träumens. Aber vermutlich ist dieser Gedanke in Zeiten der Digitalisierung schon altmodisch? Na gut, dann wird es eine Bibliothek mit Kino- und Veranstaltungssaal plus Cafe. Und ich werde definitiv direkt darüber die Penthousewohnung beziehen!

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