Halloween meets Allerheiligen. Von Gruseltypen und guten Geistern.

Heute ist Allerheiligen. Halloween ist überstanden, die Wesen der Unterwelt haben ihre Gruselparty gefeiert und bei uns im Haus stehen die Abbauarbeiten an, die Rückkehr zur Normalität. Ich werde nicht mehr ständig mit Frau Spinne zusammenstoßen, die seit Montag von der Decke im Flur baumelte (hatte ich euch ja erzählt).

Kurz vor 18 Uhr, pünktlich mit der Dunkelheit, traf unser Monsterkumpel gestern ein. Um die Kids nicht allein erschrecken zu müssen, hatte er sich weibliche Unterstützung eingeladen: Seine Assistentin Gräfin Judithia, drei Nachwuchshexen und die bereits in jungen Jahren verblichene Medizinerin, Dr. Mareike, die sich darum kümmerte, dass die kleinen und größeren Besucher lediglich in die medizinisch für sie erträglichen Schock- und Angstzustände versetzt wurden. Sicher ist sicher. Auch Gruselhausmonster haben ein wenig Anstand und sind letztlich nette Tiere. Erfahrenen Halloween-Ebersheimern war das Spektakel möglicherweise fast zu harmlos, zahlreiche Kinder trauten sich aber gar nicht, den ganzen Weg bis zur Süßigkeitentruhe zu gehen, sondern kehrten vorher um. Und putzig war wohl auch ein etwa 15jähriger, der zu Beginn sehr glaubhaft verkündete: „Ich hab echt Angst, ich schwör!“ Ohne seine Kumpels im fremden Haus zu sein, ist schon gar nicht so ohne.

Letztlich verlief der Abend erfolgreich. Nur ein Verlust ist zu vermelden: Riesenspinne Kórónu kónguló, die wir aus dem Koreaurlaub mitgebracht hatten, wurde aus der Süßigkeitenkiste entführt. So war das natürlich nicht gedacht, nur essbare Sachen sollten mitgenommen werden! Es wäre also lieb, wenn Kórónu kónguló zu uns zurückgebracht wird – gerne auch im Tausch gegen eine Tafel Schokolade.

Selbst nach fünf Jahren im Gruselhaus und viel Spaß dabei, überlegen wir dennoch jedes Jahr, ob Halloween tatsächlich ein Fest ist, das wir feiern und unterstützen möchten. Klar, die Kinder finden es großartig: Eine Gelegenheit, sich zu verkleiden und mit seinen Freunden abends durch die Gegend zu ziehen. Und von fremden Menschen bekommt man einfach so Süßigkeiten geschenkt! Es wäre seltsam gewesen, wenn sich dieses Konzept NICHT durchgesetzt und sich Halloween bei den deutschen Kindern nicht schnell etabliert hätte. Vor fünf Jahren, als das erste Monster bei uns sein Unwesen trieb, waren wir eigentlich selbst überhaupt keine Halloween-Anhänger. Das Gruselhaus entstand viel mehr aus dem Gedanken, dass es reichlich unkreativ ist, die Kinder so völlig ohne Anspruch Süßes schnorren zu lassen. Können die nicht wenigstens ein Lied vorsingen oder ein ordentliches Gedicht aufsagen? Oder etwas Gutes tun? Mein Liebster wollte es ihnen nicht zu einfach machen und gleichzeitig gemeinsam ein bisschen Spaß mit den Kids haben, bei denen sich unser Gruselhaus rasch großer Beliebtheit erfreute. Nun hat er einige Male für Action gesorgt – aber dennoch stellen wir immer wieder fest, dass Halloween per se einfach kein so richtig überzeugendes Konzept ist und wir böse Geister und gruselige Maskenmonster gar nicht wirklich sympathisch finden. Zudem ist es ärgerlich, wenn die Umgebung mit Eiern, Zahnpasta und Rasierschaum verschmutzt wird.

Ich mag nur freundliche Geister

Gestern hatte ich mich durchaus in Schale geworfen und mich wieder in Muerta verwandelt, die Schwester des Todes.

Unser Kleiner hatte seine Fledermausprint-Hose an und auf dem Sweatshirt eine breitgrinsende Spinne. Für mehr Verkleidung war er nicht zu haben. Brauchten wir auch nicht. Wir verbrachten den Abend nämlich komplett bei unseren lieben Freunden ein paar Häuser weiter, total entspannt. Bereits als das Monster und seine Assistentinnen bei uns daheim eingetroffen waren, wollte mein kleiner Süßer ganz schnell losziehen – aber nicht zum Süßigkeitensammeln, sondern zum Spielen mit seiner Freundin. Dort gab es ja auch Süßigkeiten. Mir war es recht. Ich mag es nämlich ehrlich gesagt überhaupt nicht, bei anderen zu Klingeln, um Schokolade zu erbitten. Da erbat ich lieber bei meiner Freundin ein paar Reste von deren Abendessen (Bratkartoffeln!), weil ich an diesem Abend meine eigene Küche nicht zur Verfügung hatte. Der Kleine und ich hatten also einen gemütlichen, geselligen Abend in unserem Halloween-Asyl – mit Kuscheldecke und Naschzeug.

Heute ist nun Allerheiligen. Und nachdem die Bude wieder aufgeräumt war, wollten wir Allerheiligen begehen. Zum ersten Mal. Nicht aufwändig, aber zumindest ein bisschen. Ich habe gestern Fotos von meinem viel zu früh verstorbenen Onkel Thomas und meiner zum richtigen Zeitpunkt verstorbenen Oma Maria gesucht. Auch mein Liebster kramte heute Vormittag noch in alten Fotoalben nach verstorbenen Omas, Opas, Onkel und einem Freund, der erst vor kurzem aus dem Leben geschieden ist. Diese Fotos stellten wir heute auf, mit einer Kerze und etwas Deko drumherum. Auch ein Glas Wasser und einen Snack wollte ich dazu stellen, falls die Mexikaner Recht haben und die Toten in den Tagen zwischen dem 31. Oktober und dem 2. November tatsächlich aus der Unterwelt zu ihren noch lebenden Verwandten reisen, um dort nach dem Rechten zu sehen. Die Annahme ist, dass sie von der Reise hungrig und durstig sind. Allerdings reichte der Platz auf unserer Kommode nicht und so werde ich gleich nur ein paar Kekse anbieten können. Wir werden das im Laufe der Zeit noch optimieren müssen.

Das mexikanische Totenfest ist mir überaus sympathisch, es feiert den Tod und das Leben. Beide gehören untrennbar zusammen, auch wenn wir den Tod in der Regel aus unserem Leben aussperren. Als ich gestern von meiner Tante das Foto meines verstorbenen Onkels zugesendet bekam, weil ich selbst keines griffbereit hatte, tat es mir sehr gut, es anzusehen und in sein freundliches Lächeln zu blicken. Ich habe den guten Geist gespürt. Und die Notwendigkeit, diejenigen in Erinnerung zu behalten, die nicht mehr unter den Lebenden weilen. Aber eben nicht auf Allerheiligen-Art mit trüber Stimmung und verordneter Traurigkeit, sondern eher auf die mexikanische Art, mit Freude im Herzen und im Bewusstsein, dass der Tod ein Teil des Lebens ist, so wie die Geburt.

Halloween ist bedeutungslos in meinem Leben. Ich feiere keine bösen Gespenster, ich glaube nicht an sie und will auch nicht, dass unsere Kinder sich an Halloween in gierige, unvernünftige Idioten verwandeln wie manch andere, die sich hinter ihren Masken verstecken und es genießen, dass niemand erkennen kann, wer da gerade den Spielplatz vollsaut.

Ich wünsche mir, dass meine Kinder ein Bewusstsein für die Endlichkeit des Lebens entwickeln und im Herzen begreifen, dass es ein Vor-uns und ein Nach-uns geben wird – und dass das auch okay ist. So wie wir uns an die Vorangegangenen – ich mag diesen Begriff – erinnern, wird sich vielleicht auch eines Tages, wenn unsere Seele unseren Körper verlassen hat, ein Anderer liebevoll an uns erinnern.

Klarer Tipp für’s heutige Filmprogramm: Coco. Ich hatte mich letztes Jahr riesig gefreut, dass das mexikanische Totenfest in einem Disneyfilm thematisiert wird und dadurch auch in Deutschland bekannter wird. Trotz all der Skelette und Toten ist dieser Film überhaupt nicht gruslig, sondern überaus herzerwärmend.

Und dazu eine Lektüreempfehlung: „Mein Leben als Tod“. In diesem schmalen Büchlein erzählt der Tod höchst persönlich aus seinem Leben. Von seiner Familie, seinen Freunden, seiner Arbeit, seinen Gefühlen. Und ich darf verraten: Er leidet sehr unter seinem schlechten Image.

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