Tuff, tuff, tuff, die Eisenbahn, wer will mit nach Würzburg fahrn?

Dieses Wochenende waren Junior und ich zu zweit unterwegs: Anlässlich des Geburtstags meiner Großeltern fuhren wir in meinen fränkischen Heimatort, ein paar Kilometer nördlich von Würzburg. Dass wir dorthin wollen, stand quasi schon das ganze Jahr über fest. Das Geburtstagswochenende meiner Großeltern ist mir heilig. An diesem Novemberwochenende bin ich fast jedes Jahr bei ihnen zu Besuch. Die einzige Frage, die sich mir noch stellte, war: Fahren wir mit dem Auto oder dem Zug?

Die Große riet mir zum Auto: „Dann bist du flexibel! Und es geht doch eigentlich viel schneller!“ Meinen Liebsten musste ich gar nicht erst um Rat fragen, denn seine Meinung kenne ich: Er ist definitiv ein Autofahrer. Unsere Große hat seine Ansichten offenbar bereits übernommen. Wieso umständlich von daheim zum Bahnhof gondeln, dort hoffen, dass die Bahn tatsächlich pünktlich ist, sich in Würzburg von jemandem abholen lassen – und das alles noch zu Uhrzeiten, die man bereits Tage vorher beim Fahrkartenkauf festgelegt hat? Nicht zuvergessen: Das Gepäck. Während der Autofahrer alles mögliche in den Kofferraum laden kann, sollte der Bahnreisende sich besser bescheiden.

Wir fuhren dennoch mit dem Zug. Weil wir gerne am Bahnhof sind und uns dort ein Buch für die Reise aussuchen. Und weil wir unsere Brezeln im Zug gemütlich zusammen frühstücken können. Die Landschaft fliegt so schön am Fenster vorbei. Besonders liebe ich übrigens den Moment, wenn der Zug über den Rhein fährt: Jetzt verlassen wir Mainz! Und genauso auf der Rückfahrt. Das Bewusstsein: Wir sind wieder da! Außerdem mag ich die Einfahrt in den Frankfurter Bahnhof. Hier geht es über den Main, der ja sozusagen mein Heimatfluss ist. Blick auf die Hochhäuser, die Fabriken und auf so viele Zuggleise. Ich genieße Zugfahren, weil ich mich im Sitz zurücklehnen kann und auf nichts acht geben muss. Sobald man drin sitzt, geht der Rest von allein. Gut, ein bisschen Kinderbespaßung ist notwendig, wenn ein kleiner Mensch neben einem sitzt. Aber besser im Zug als im Auto, wo die Aufmerksamkeit definitiv auf die Straße gerichtet werden muss statt auf das gelangweilte Kind.

Mein Kleiner mag am Bahnfahren – abgesehen von Mamas ungeteilter Aufmerksamkeit -, dass irgendwann der Zugbegleiter kommt und ihm seine Kinderfahrkarte gibt. Mit der traben wir immer brav ins Bordrestaurant, um uns einen kleinen Spielzeugzug abzuholen. Dieses Mal wählten wir den kleinen ICE, obwohl wir den bereits irgendwo daheim haben. (Ich war für Günni Güterzug, habe aber natürlich diesbezüglich wenig Mitspracherecht.)

Auf unserer Freitagsfahrt war der Zug relativ voll und ich sehr froh, dass wir einen Platz fanden, obwohl ich mir die Reservierung (und damit immerhin 9 Euro!) dieses Mal gespart habe. Auf unserer Rückfahrt heute Vormittag hatten wir ebenfalls Glück. Sogar noch mehr, denn wir gönnten uns den Spaß, insgesamt dreimal den Platz im IC nach Mainz zu wechseln: Von einem normalen Zweiersitz zogen wir nach einer Weile ins benachbarte Fahrradabteil, das komplett leer war. Welch hervorragendes Spielzimmer! Wir ließen uns in einer Ecke nieder und ich packte die Legosteine aus. Eine halbe Stunde lang waren wir bestens damit beschäftigt, ein Flugzeug zu bauen. In Frankfurt wurde dann eine Sitzgruppe mit Tisch frei, die wir in Beschlag nahmen. Nochmal ein Upgrade. Schon waren zwei Stunden vergangen und wir betraten Mainzer Boden.

Irgendwann auf unserer Reise verkündete der Kleine: „Ich will Dampflokomotive fahren!“ Eine gute Idee. Das hatten wir noch nicht. Mit seinen 4 Jahren ist er bereits Bus, Straßenbahn, S-Bahn, Doppeldecker-Regionalexpress, IC, ICE und KTX (der koreanische Schnellzug) gefahren, genoss einen Quad-Tag auf Kreta (sein abolutes Highlight!), eine Kutschfahrt durch das schöne Weimar, diverse Bootsfahrten und ist mehrfach mit dem Flugzeug geflogen. Es hat eben auch Vorteile, wenn Mama und Papa im Hinblick auf Fortbewegungsmittel unterschiedliche Vorlieben haben. Als mir die 10jährige Freundin unserer Großen letzte Woche mitteilte, sie sei an diesem Tag zum zweiten oder dritten Mal in ihrem Leben Bus gefahren und habe es schrecklich aufregend gefunden, fiel ich jedenfalls aus allen Wolken. Auch vor einem halben Jahr, als ich unser Mädchen und ihre Klasse zur Betriebsbesichtigung bei Opel begleitete, überraschte es mich, dass zwei ihrer Klassenkameradinnen mir in der S-Bahn erzählten, sie seien zum ersten Mal mit dem Zug unterwegs. Unsere Große hingegen kann bereits einen Hubschrauberflug verbuchen… Aber ja, die Dampflok fehlt noch. Und sie kommt gerne auf die To-do-Liste.

Bei mir ist übrigens auch noch ein Reisewunsch offen: Seit ich als 16jährige Stan Nadolnys „Netzkarte“ gelesen habe, möchte ich eines Tages zu den stolzen Besitzern einer Bahncard 100 gehören (die hieß in den 90ern noch „Netzkarte“). Nur für kurze Zeit. Mit meiner Arbeitskollegin, die diese faszinierende Universalfahrkarte tatsächlich besitzt, weil sie drei- bis viermal pro Woche von Köln nach Mainz pendelt, möchte ich nicht tauschen. Mehrmals die Woche regt sie sich fürchterlich über Verspätungen und verpasste Anschlusszüge auf. Aber für eine große Deutschlandentdeckungstour wäre eine Bahncard 100 super. Aktell lese ich auch ein dazu passendes Buch: In „Tausche Wohnung gegen Bahncard“ berichtet die Studentin Leonie Müller davon, wie sie ihr WG-Zimmer aufgibt und stattdessen bei Freunden, Verwandten und ihrem Liebsten nächtigt, die quer durch Deutschland verstreut sind. Der Freund in Köln, die Uni in Tübingen, die Mutter in Bielefeld, nette Bekannte in Berlin,… Eine herrlich unkonventionelle Idee zu „Wohnen“.

Wie sie würde ich als Mega-Zugreisende definitiv auch den „Zipfelpass“ erwerben, den man erhält, wenn man in die vier äußersten Ecken Deutschlands reist: Nach Oberstdorf, Görlitz, List und Selfkant. (Hätte mir vor ein paar Monaten bereits jemand vom Zipfelpass erzählt, hätte ich Oberstdorf während unseres Allgäu-Besuchs bereits abhaken können.) Aber dieser Plan wird wohl erst in 10 Jahren umgesetzt, wenn auch der Kleine ein Großer ist. Mal sehen, wohin uns die Reise im nächsten Jahr führt. Möglicherweise lege ich mir wenigstens mal eine Bahncard 25 zu…

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