Partenheim zum Zeitvertreib

Was ein schöner, milder Herbst das war. Erinnert ihr euch noch an ihn? Ich hab heute etwas sehnsüchtig an diesen tollen Oktober und November gedacht, als ich die Fotogalerie in meinem Handy durchgegangen bin und dabei auch die Bilder unseres Ausflugs nach Partenheim fand. Jedes Mal, wenn die Sonne schien und die Landschaft in den herrlichsten Herbstfarben zum Leuchten brachte, zog es mich nach draußen. „Genieße diesen Moment“, dachte ich, „sicherlich versinkt die Welt gleich in Novembergrau und Winterkälte!“ Aber o Wunder, die Sonne ließ sich nicht unterkriegen! Immer wieder kämpfte sie sich erfolgreich durch den Nebel.

Trotz der für mich hervorragenden meteorologischen Rahmenbedingungen und meiner daraus resultierenden guten Laune erinnere ich mich auch noch an meine mitunter seltsame Stimmung, die gleichermaßen von Müdigkeit und Unruhe geprägt war. Ich wollte den ganzen Tag herumhängen, hatte aber ein schlechtes Gewissen dabei, weil mir natürlich immer einige Dinge einfallen, die ich stattdessen tun könnte oder sollte. Die Unzufriedenheit sagt in mahnendem Tonfall: „Du hängst schon dein ganzes Leben lang herum! Tu mal etwas produktives!“ Aber ich zucke mit den Schultern und entschuldige mich: „Bin heute nicht so richtig fit. Tue aber morgen mein Bestes, okay?“ Winterschlaf meets Jahresendstress.

Was ist eigentlich wichtiger: Das Leben zu genießen oder es im Griff zu haben? Den Moment zu zelebrieren oder auf eine wunderbare Zukunft hinzuarbeiten? Beides, würde Aristoteles mir vermutlich empfehlen, gehe den goldenen Mittelweg! Bekanntlich hat ja alles seine Zeit. So auch Arbeiten und Genießen. Manchmal ist mir jedoch beides zu anstrengend und ich habe die Nase davon voll, die jeweils beste Wahl zu treffen, womit ich meine Zeit verbringe. In solchen Momenten lasse ich mich vom Leben gerne auch an unspektakuläre Orte führen, stelle mich dort in die Sonne und schaue der Welt zu, wie sie sich weiterdreht… So geschehen in Partenheim.

Partenheim ist ein kleiner rheinhessischer Ort. Eigentlich nicht allzu weit entfernt von uns. Bislang hatte ich aber noch nie einen Grund dorthin zu fahren. An jenem Novembersamstag gab es nun einen: mein Liebster und seine Fußballkinder sollten dort ein Spiel gegen die Partenheimer Kids bestreiten. Junior und ich legten zugegebenermaßen keinen besonderen Wert auf das Fußballevent. Mein kleiner Süßer sympathisiert primär mit den Muffins, die solche sportlichen Veranstaltungen in der Regel begleiten. Damit kann man ihn locken. Mich lockte an diesem Tag die Aussicht darauf, mal etwas Neues zu sehen. Partenheim eben. Oder zumindest Partenheims Sportplatz. Und den Spielplatz direkt daneben, auf den mich eine freundliche Onlinesuchmaschine auf Nachfrage hinwies.

So kann ich euch also heute sagen: Falls ihr irgendwann mit dem Nachwuchs in Partenheim strandet, dann sucht nach dem Sportplatz und der Feuerwehr. Rechts daneben ist ein Gemeindehaus mit einer interessanten Skulptur davor, auf der mein Junior natürlich direkt herumklettern musste. Und hinter dem Gebäude ist ein Spielplatz der Marke „Klein und fein“.

Ein Kletterturm, eine Rutsche, zwei Schaukeln, ein Tunnel,… und dazu ganz waldorfig jede Menge Stöcke und Herbstlaub. Damit lässt sich einiges anstellen. Mein Kleiner saß oben auf der Rutsche und angelte mit seinem Stock nach unserem imaginären Mittagessen. Hab ich an diesem Tag viel Fisch auf meiner sonnigen Bank gegrillt! Danach fuhren wir mit unserem Phantasie-Auto in Urlaub. Und gegen einen Piraten musste ich mich auch verteidigen. Es kann einiges passieren, wenn man sich mit einem 4jährigen allein auf einem Spielplatz herumtreibt.

Nebenbei fand ich sowohl auf dem Spielplatz als auch am Rande des Fußballfeldes etwas Gelegenheit zum Lesen. Ich hatte das passende Buch zum Thema dabei. „Eine Landkarte der Zeit“ wird auf dem Umschlag als „Sachbuch des Jahres“ gepriesen. Ich muss dazu sagen: Dieser Titel ist schon ein paar Tage alt. Die deutsche Fassung wurde im Jahr 1999 gedruckt. Der Autor hatte sich dem Thema also vor rund 20 Jahren gewidmet. Aber die Zeit ist in jeder Zeit von Bedeutung und verdient, dass man sich einmal Gedanken über ihr Wesen und den eigenen Umgang mit ihr macht.

Hat Robert Levine eine Antwort auf meine Frage gefunden, ob ich lieber das Jetzt genießen oder mich um eine gute Zukunft kümmern soll? Heißt in meinem Fall: Soll ich lieber in der Hängematte liegen und ein Buch lesen – oder soll ich längerfristig denken und mich zu etwas Sport aufraffen, damit ich nicht zu sehr in die Breite gehe? Gebe ich dem Quengeln nach einem zweiten Sportplatz-Muffin und einem wenig sinnvollen Trinkpäckchen nach oder übe ich das Kind in Verzicht und Geduld, was zumindest kurzfristig meine Nerven strapaziert, während es langfristig möglicherweise zu weniger Diskussionen führt? Levine will mir darauf nur indirekt eine Antwort geben. Es ist eben kein Buch über Selbstdisziplin und Zielorientierung. Und so berichtet er eher über Gesellschaften, in der eine Zeit-ist-Geld-Mentalität vorherrschend ist (wie in unserer Kultur), wohingegen andere Gesellschaften in der Ereigniszeit leben. Dort dauern die Dinge einfach so lang wie sie dauern und die Diktatur der Uhrzeit ist deutlich weniger ausgeprägt. Auch Kinder leben in der Ereigniszeit. Sie spielen und tun alles genau so lange, wie sie Lust darauf haben. Aber die Erwachsenen bremsen ihr Spiel oft genug mit Aufforderungen wie: „Wir müssen jetzt schnell einkaufen/zum xy-Termin/Abendessen/Zähneputzen….!“ Dabei liegt die Betonung auf JETZT und SCHNELL.

Das also beschäftigte mich vor einigen Wochen. Zwischenzeitlich ist Weihnachten vorbei und wir sind noch mitten in den Ferien. Keine Schule, kein Kindergarten, keine Termine und Weihnachtsgeschenkekaufen ist auch vom Tisch… Auf einmal bekommt man wieder ein Gespür für die Erlebniszeit. Wir hangeln uns von Tag zu Tag und von Stunde zu Stunde. Die Große trifft ihre Freundinnen, der Kleine spielt sich durch das gesamte Haus. Ich nutze freie Minuten für meine aktuelle Lektüre, die spannende Biographie Simone de Beauvoirs von Ingborg Gleichauf, die ich vor den Ferien noch in der Unibibliothek ausgeliehen hatte. Zwischendurch muss ich nur aufpassen, dass wir nicht völlig im Chaos versinken und nicht verhungern. Manchmal fällt mir aber bei all der Gemütlichkeit doch die Decke auf den Kopf. Dann denke ich wehmütig an die Spielplatzsaison zurück… und an Partenheim im Herbstsonnenschein. Manchmal sind auch die ganz unspektakulären Dinge ziemlich schön…

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