Mein kleiner Kunstbanause beim 5. Patenkindkonzert des Mainzer Staatsorchesters

Im Jahr 2014, in dem unser Junior auf die Welt kam, feierte das Philharmonische Staatsorchester Mainz sein 500-jähriges Jubiläum (bereits im Jahr 1514 gab es eine Mainzer Hofkapelle). Zu diesem Anlass hatte ein kluger Kopf eine gute Idee: Alle Mainzer Kinder, die 2014 das Licht der Welt erblickten, konnten Patenkinder des Staatsorchesters werden und sollten sechs Jahre lang musikalisch begleitet werden, indem jedes Jahr ein altersgerechtes Konzert angeboten wird, das sie in die Welt klassischer Musik entführt. Ein Drittel des Jahrgangs folgte der Einladung. Wir auch. Ich fand die Idee damals prima und hatte mir den Anmeldezettel bereits vor der Geburt unseres Sohnes an die Pinnwand gehängt, um schließlich nur noch das Geburtsdatum eintragen zu müssen.

Gestern fanden zwei Aufführungen das 5. Patenkindkonzerts statt. Jede Aufführung ist auf etwa 60 Patenkinder und ihre Begleiter ausgelegt. Die Patenkinder kommen kostenlos ins Konzert, die Begleitung zahlt 5 Euro pro Nase. Nachdem beim letzten Mal mein Liebster und die Große mit ins Konzert gegangen waren, hatte diesmal ich das Vergnügen und durfte mir die Geschichte des kleinen Affen Dodo erzählen lassen, der dank des zufälligen Funds einer Geige ein leidenschaftlicher Musiker wird. Ja… auch Ates Yilmaz, der Orchesterpädagoge und Projektleiter, der wunderbar durch die Geschichte führte, schmunzelte darüber, dass sie völlig unrealistisch ist („Und nach einer Woche konnte der kleine Affe die Geige spielen wie ein… Profimusiker… Ist nämlich ganz einfach!“). Ich hätte vielleicht auch eher Tarzan oder Mogli zum Protagonisten gemacht, nicht unbedingt einen Affen, aber egal, das sind wieder die üblichen Erwachsenengedanken. Den Kindern war der süße Stofftieraffe garantiert lieber. Insgesamt war das Konzert auf jeden Fall prima ausgearbeitet und unser Geschichtenerzähler erfüllte seinen Job sehr charmant!

Die sechs Musiker spielten sehr bekannte Melodien wie Jacques Offenbachs „Barcarole“ oder Bachs „Air“. Die Stücke wurden zum Bestandteil der Geschichte, indem sie Situationen oder Stimmungen vertonten. Während George Brechts „Drip Music“ sollte das Publikum sich vorstellen, ein Lastwagen fahre durch den Urwald. Bei jedem „Schlagloch“ gab es einen Hammerschlag auf Metall. Dotz! Beim Lastwagen handelte es sich übrigens quasi um einen Amazon-Paketdienst, wie es scheint, denn er verlor eines seiner Pakete – und dieses beinhaltete die Geige, in die Dodo sich rasch verliebte. Hoch lebe das Onlineshopping!

Zu den Klängen von Bachs „Air“ reisten wir gedanklich mit Dodo und seiner Affenfamilie auf einem Baumstamm den Fluss entlang zum Affenonkel. Eine schöne Vorstellung. Ich kam gut in die Geschichte rein. Mein Junior aber… nun ja… ist bislang noch immer kein Fan klassischer Musik. Während des dritten Stücks meldete er sich bei mir: „Ich muss Pipi.“ (Natürlich waren wir unmittelbar vor dem Konzert auf Toilette gewesen…) Ausgerechnet während des aus meiner Sicht schönsten Stücks, der „Feuerfest Polka“, musste ich also mit ihm aus dem Saal hinaus. Kunstbanause, der kleine Kerl! Nachdem er beim letzten Konzert (dem 3. Patenkindkonzert) noch deutlich genörgelt hatte, er wolle nun bitte gehen, hatten wir das 4. Patenkindkonzert ausfallen lassen, und so konnte ich mit seiner kleinen Pipipause eigentlich recht zufrieden sein. Danach hielt er bis zum Ende durch, war aufmerksam und ruhig. Auch die anderen Kinder, die vor uns auf den Sitzkissen saßen, verhielten sich die gesamten 45 Minuten hindurch vorbildlich. Es war eine sehr angenehme, gemütliche Stimmung. Klar, gegen Ende merkte man bei manchem Patenkind langsam etwas Zappeligkeit aufkommen, aber grundsätzlich waren die 4- und 5-jährigen bereits gutes Publikum. Alles andere wäre aber wirklich schade gewesen, denn das Konzert war tatsächlich sehr schön gemacht. Ein dickes Lob!

Nächstes Jahr findet bereits das letzte Patenkindkonzert statt – erstmals im Großen Haus mit allen Patenkindern zusammen. Diesen Termin werden wir uns – sobald er bekannt ist – definitiv rot im Kalender vormerken. (Kann ich eigentlich auch ohne den Junior kommen?)

Das Patenkindprojekt erhielt 2017 den Sonderpreis „Innovatives Orchester“ der Deutschen Orchester-Stiftung. Und das zu Recht, finde ich. Ein ausgezeichnetes Projekt – mit Auszeichnung!

Ich hege noch die Hoffnung, dass sie nächstes Jahr verkünden, alle Patenkinder bis zum 18. Geburtstag begleiten zu wollen… Unser Junior braucht vermutlich noch ein wenig mehr Zeit und Gelegenheit, um sich mit klassischer Musik anzufreunden. Und Mutti mag die kindgerechte Aufbereitung, weil sie sich in einem „richtigen, klassischen Konzert“ sonst vermutlich auch langweilen würde. Wäre es nicht hübsch, wenn wir später spannende Geschichten über Schulfreuden und -leiden, Freundschaften und die erste Liebe musikalisch aufbereitet erleben dürften?! Abschlusskonzert dann im Jahr 2032: „Wunder“ (nach dem mit Julia Roberts verfilmten Roman von Raquel J. Palacio, der im Jahr 2014 (!) beim Deutschen Jugendliteraturpreis den Preis der Jugendjury erhielt) mit schönen klassischen Stücken untermalt wie… weiß nicht… die darf Herr Yilmaz aussuchen. Der kann das besser als ich.

Unser Tag führte uns noch an den Gartenfeldplatz (mal wieder), wo ich meine neue Lektüre abholte und meinem kleinen Begleiter vier Bilderbücher vorlas (mein Highlight: „Wer ist der Stärkste im ganzen Land?„), zum Bahnhof und mit der Buslinie 6 ins schöne Gonsenheim (mal wieder), wo wir uns noch kurz die Zeit auf einem Spielplatz vertrieben und dann um 15.30 Uhr am Wildpark den Rest der Familie sowie langjährige Freunde trafen bis wir um 18 Uhr endlich den Heimweg antraten und ziemlich müde von so viel Tagesprogramm aufs heimische Sofa fielen…

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