Ein Liebesbrief zum Hochzeitstag

Liebe ist nicht nur ein Gefühl, sondern eine Entscheidung, die man jeden Tag aufs Neue trifft, erklärte Erich Fromm in seiner „Kunst des Liebens“. Seine Worte begleiten mich schon seit Langem und tun es bis heute – und sie waren auch am 14. Mai 2009 präsent. Heute vor 10 Jahren.

An diesem Tag haben wir standesamtlich geheiratet und damit eine sehr grundsätzliche Entscheidung getroffen. Wir besiegelten unsere Liebe nach genau vier gemeinsamen Jahren mit dem Versprechen, dass wir in guten und in schlechten Zeiten füreinander da sein werden. Das Leben hat uns seitdem erfreulicherweise mit viel Glück verwöhnt, insbesondere mit unseren beiden wundervollen Kindern. Unsere Große war damals, an unserem Hochzeitstag, bereits auf der Welt und spielte neugierig mit meinem Brautkleid („Guckuck! Was ist unter dem großen Kleid?!“)

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Damals waren wir schrecklich angestrengt vom Elternsein. Wir haben eine ganze Weile gebraucht, um uns in unserer Elternrolle wohl zu fühlen – obwohl unsere Kinder es uns genau genommen eher leicht gemacht haben. Das Elternsein war (aus meiner Sicht) die größte Herausforderung für uns als Paar. Die zweite große Herausforderung war… ich. Während Du, Cheri, ein zufriedener, gelassener Mensch bist, bin ich innerlich oft in Aufruhr, hadere mit mir und der Welt. Vielleicht habe ich mir deshalb damals genau Dich als Lebensgefährten ausgesucht: Weil Du mein Hafen bist. Du kannst mir die Sicherheit geben, die mir mitunter fehlt. Und ich schätze Dich als wundervollen Menschen.

Du bist unglaublich engagiert für die Dinge, die Dir wichtig sind, Du bist großzügig, harmonisch und freundlich, humorvoll, zärtlich, ehrlich und verlässlich, Du machst Dir viele Gedanken und bist ein kluger Kerl, Du bist interessiert und aufgeschlossen für Neues, mutig und selbstbewusst, aber niemals überheblich, Du hast Deinen eigenen Kopf, ohne anderen deshalb vor den Kopf zu stoßen, bist musikalisch und sportlich, hast die Dinge im Griff,… (Nun können alle rätseln, welche Eigenschaften dieser natürlich völlig unvollständigen Liste ich besonders bewundere, weil sie bei mir nicht in gleichem Maße ausgeprägt sind… und welche in besonderem Maße benötigt werden, um das Leben mit mir auch nach 10 Jahren Ehe noch wertzuschätzen).

Als wir ein Jahr später, erneut am 14. Mai, auch kirchlich heirateten, freute ich mich sehr über das Buch, das unser Pfarrer uns schenkte, denn es nahm in seinem Titel Bezug auf einige Worte Martin Bubers, die ich ganz besonders schön finde – und die überraschenderweise so unbekannt sind, dass ich sie bei Google neulich nicht ergooglen konnte! Ich will sie heute mit der Welt teilen und widme sie natürlich Dir, Cheri, weil Du genau so ein Mensch bist, dessen bloße Existenz mir Vertrauen in die Welt und das Gute gibt:

Vertrauen
Vertrauen in die Welt, 
weil es diesen Menschen gibt. 
Weil es diesen Menschen gibt,
kann der Widersinn nicht die wahre Wahrheit sein,
so hart er einen bedrängt.
Weil es diesen Menschen gibt,
ist gewiss in der Finsternis das Licht,
im Schrecken das Heil
und in der Stumpfheit der Mitlebenden
die große Liebe verborgen.

Das wird sich niemals ändern. So wie ich von meinen Kindern vollends überzeugt bin, halte ich auch Dich für… ja, tatsächlich: perfekt. Du bist – so wie Du bist – vollendet. Selbst wenn Du in den letzten Monaten nicht mit Dir im Einklang und wegen Deiner Gesundheit ziemlich aus der Bahn geworfen warst, weiß ich doch, dass Du Deinen Weg gehst, dass es nur eine Phase ist, die Dir nichts anhaben kann. In den letzten Monaten habe ich mehr in Deine Stärke vertraut als Du selbst und auch jetzt bin ich davon überzeugt, dass sich Dir der Sinn dieser Monate irgendwann erschließen wird. Das Tal ist längst durchschritten und es geht aufwärts!

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Nun liegen bereits 10 Ehejahre hinter uns und ich habe mich auf unseren heutigen Hochzeitstag gefreut, weil wir ihn ganz entspannt zusammen feiern werden. Wir nehmen uns an diesem Tag Zeit für uns, während die Kinder in der Schule und im Kindergarten sind. Unser Alltag ist so rasant, dass jeder manchmal so sehr mit sich und mit Anderen/Anderem beschäftigt ist, dass derjenige, der uns eigentlich am nähsten sein sollte, plötzlich ganz fern sein kann. Dann sind die Ansprüche der Arbeitswelt und der Kinder wichtiger, Haus und Garten wollen bekümmert werden, jeder zieht sich in seine eigene Welt zurück, weil jeder von uns auch viel Zeit für sich selbst braucht. Und so vergessen wir an manchen Tagen, uns zumindest einige Minuten lang tatsächlich zu begegnen statt nur als Team gut zu funktionieren. Dann heißt es innehalten – und einander festhalten. Man muss sich tatsächlich dafür entscheiden, einander nah sein zu wollen.

Regelmäßig höre ich ein Lied, das der perfekte Soundtrack zu diesem Gefühl ist: „Elaborate lives“ aus unserem wundervollen Musical „Aida“, das wir am Anfang unserer Beziehung in Niedernhausen besucht hatten. Aida und Radames singen davon, dass wir alle so wahnsinnig beschäftigt sind und das Leben uns vor so viele Herausforderungen stellt, dass die Liebe zueinander irgendwann auf der Strecke bleibt – und sie sind sich einig, dass sie genau das nicht wollen: „I don’t want to love like that. I just want our time to be slower and gentler, wiser, free.“ (Gut, ich gebe zu, dass der Alltag mit mir an Deiner Seite vermutlich nicht „slower“ wird, weil ich gerne für Action sorge, und von Weisheit kann auch noch nicht die Rede sein… zu perfekt wäre ja auch öde…)

Ich hoffe, dass Du weiterhin so gut mit all meinen manchmal unkonventionellen Vorstellungen zurecht kommst. Manchmal musst Du mich vermutlich sanft zurück auf den Boden holen, manchmal beim Flügelanschnallen helfen und mich anfeuern, damit ich den Mut zu Fliegen finde. (Die jeweils richtige der beiden Varianten zu wählen, bleibt dabei die große Kunst…) Aber ich weiß, dass Du immer alles für mich tun wirst, was Dir möglich ist. Das hast Du auch in den letzten Monaten bewiesen, in denen ich bestimmt nicht die unkomplizierteste Gattin war. Dafür bin ich Dir sehr, sehr dankbar!

Und was bringen die nächsten 10 Jahre?

Ich möchte mit Dir weiterhin gemeinsam Neues entdecken, immer mal raus aus den Routinen, um Glücksmomente zu sammeln. Sicherlich wird es auch einige Herausforderungen geben, die wir zusammen bewältigen und an denen wir letztlich wachsen werden. Wenn wir von unseren Abenteuern zurück kommen, kuscheln wir uns dann in die Hängematte und die Welt soll sich für ein paar Momente alleine weiterdrehen. Das wird schön. Alles.

Cheri, ich danke Dir für unsere gemeinsame Vergangenheit, unsere Gegenwart und unsere Zukunft. Du bist wundervoll!

5 Gedanken zu “Ein Liebesbrief zum Hochzeitstag

  1. deingruenerdaumen schreibt:

    Danke für das wundervolle Gedicht von Martin Buber, ich habe es mir gleich aufgeschrieben. Einen lieben Gruß und Gottes Segen euch Beiden. Herzlich, die Gärtnerin mit dem gruenen Daumen(die ein bisschen sehnsüchtig wird bei Deinem Liebesbrief an Cheri).

    Gefällt mir

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