Campuskunst – oder: über die kleinen Freuden

Das war ein ungeplant hübscher Tag! Deshalb wollte ich ihn nun doch gerne festhalten… und euch mal wieder dorthin mitnehmen, wo ich meinen Arbeitsalltag verbringe: An die Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Gestern noch hatte ich auf der Arbeit einen ziemlichen Durchhänger. Es wollte einfach nicht laufen. Ich flüchtete zunächst in Kleinkram, dann flüchtete ich ganz aus dem Büro, um mit meinem Nachmittag doch noch etwas Sinnvolles anzufangen, statt unproduktiv am Schreibtisch zu sitzen. Ich ging eine Runde spazieren, bevor ich den Kleinen von der Kita abholte.

Und heute wollte ich die verlorene Stunde wieder nachholen. Eigentlich ist mein Freitag ein freier Tag. Heute stand ich aber zeitig auf und verließ das Haus bevor alle anderen wach waren (ja… in den Ferien sind sie ziemliche Langschläfer). In Hechtsheim stieg ich aus dem Bus und lief den restlichen Weg bis zum Campus – heute allerdings ohne die Zahlbacher Schafe zu treffen (beim letzten Mal hatte ich mehr Glück). Irgendwann kam ich an der Uni an und holte mir beim Bäcker meinen Latte macchiato und etwas zum Frühstücken – und dann klingelte mein Handy. Ein lieber Freund war auf dem Weg vom Arzt nach Hause und da ich ihm für genau diesen Fall angeboten hatte, dass wir uns doch am Campus treffen könnten, meldete er sich, um mir mitzuteilen, dass er in 15 Minuten bei mir sein könnte, wenn ich Zeit hätte. Zeit hat man nicht, Zeit nimmt man sich. „Prima! Dann bleib ich einfach hier sitzen und warte auf dich!“ Der Schreibtisch läuft bekanntlich nicht davon.

Wir saßen in der Sonne und genossen unser unverhofftes gemeinsames Frühstück. Im anstehenden Wintersemester ist es dann 16 Jahre her, dass wir uns hier an der Uni kennengelernt haben. Ewig waren wir nicht mehr zusammen auf dem Campus gewesen. Zuletzt bei einem Spaziergang vor etwa zwei Jahren, an einem Sonntag, als alles geschlossen war. Heute führte ich ihn ein wenig umher und wir staunten darüber, was sich alles verändert hatte – und dass so vieles gleich geblieben ist.

Der Mainzer Campus hat vielerorts eine seltsame Ausstrahlung. Es gibt einige Baustellen, Brachland und abrissreife Gebäude, Graffiti, seltsame Aufkleber und Schmierereien,… mitunter könnte man Augenschmerzen von so viel Hässlichkeit und Verwahrlosung bekommen. Zugleich bringt es einen besonderen Charme mit sich. An mancher Stelle ein Augenzwinkern. Das Monster auf der Lampe, das mir jeden Morgen, wenn ich zur Arbeit gehe, die Zunge rausstreckt, hab ich zum Beispiel sehr ins Herz geschlossen. (Es erinnert mich an den weisen Rat, dass man zu griesgrämigen Menschen stets besonders nett sein soll.)

Manche Leute haben von all den doofen anderen Leute jedoch die Nase voll und bringen es entsprechend zum Ausdruck… Sind Toiletten-Plakate eigentlich eine eigene Textsorte? Sicherlich hat sich irgendein Kulturanthropologe oder Soziologe bereits in seiner Doktorarbeit die Mühe gemacht, selbst gedruckte Hinweisschilder genervter Menschen auszuwerten. Dieses hier aus der Damentoilette im Erdgeschoss des Philosophicum II fand ich heute bemerkenswert. Vielleicht von der Tante meines Lampenmonsters verfasst oder so…

Großartig fand ich auch diesen Zettel, den ich im SB II fand. Richtet sich vermutlich an die Putzfrau. Wenn ich ihn bei mir daheim an die Haustür hängen würde, hätte ich immer eine Ausrede, wenn sich unser Haus nicht im optimalen Zustand befindet. „Guck, kann ich nix dazu. Durfte weder ins Haus noch durfte ich putzen…“

Die bedrohliche Atmosphäre des Warnschildes wird direkt daneben übrigens von einem Scherzkeks durchbrochen, dem die letzte Vorlesungswoche im Juli offenbar zu heiß war. Hat der etwa gedacht, die arme Uni könnte sich überall klimatisierte Gebäude leisten? Bevor das passiert, kommen definitiv die Hobbits aus dem Auenland zu Besuch…

Ich hab mich in all den Jahren hier daran gewöhnt, dass nicht alles gut aussehen oder hochwertig sein muss – Hauptsache es funktioniert irgendwie. Bescheidenheit ist ja auch eine Zier. Und unverputzte Betonwände in Neubauten sind nicht nur unglaublich sparsam und pragmatisch, sondern… nennen wir es: industrial chic. So wie das Georg Forster-Gebäude und die Hochschule für Musik, denen wir heute auf unserem Rundgang einen kurzen Besuch abstatteten. Und wie wir feststellten, ist nackter Beton ein toller Untergrund, um Kunst zu präsentieren. Bei den Musikern gab es im Erdgeschoss nämlich überraschenderweise eine kleine Ausstellung zu bewundern. Wie hübsch!

Mein Lieblingsexponat dieser kleinen Schau aus dem Werk Jürgen Oddo Blumbergs: Protect me from what I want. (Ist euch auch schon einmal aufgefallen, dass man sich sehr gut überlegen muss, was man sich wünscht? Es kommt immer wieder vor, dass sich Wünsche tatsächlich erfüllen – und sich dabei als doch nicht so klug heraus stellen…)

„Einfalt aushalten“… Entspricht als Spruch nicht unbedingt meiner Mentalität. Aber ich war fasziniert davon, was alles „Kunst“ ist. Ich glaube, ich werde auf meine alten Tage auch noch Künstlerin!

„Ist das Kunst oder kann das weg?“ – Das fragten wir uns auch einige Meter weiter hinten auf dem Campus. Das Wohnexperiment rund um das Haus Mainusch existiert noch immer. Davor: Kram. Oder Müll. Oder vielleicht doch Kunst. Alles eine Frage der Interpretation.

Der kaputte Wohnwagen war definitiv der Tiefpunkt unseres Rundgangs. Kümmert sich denn hier gar keiner mehr darum, dass sowas weg kommt? Oder wird das als überdimensioniertes Vogelhaus verkauft?

Nun, an anderen Stellen kümmert man sich und peppt mit Kleinigkeiten auf, was sonst wenig auffällt. Zum Beispiel einen Innenhof des Philosophicums. Warum nicht etwas gestalten, das multifunktional Sitzgelegenheit und Lehrmaterial in einem ist?! Schon hat man eine praktische, kleine Ausstellung für die altphilologische Weiterbildung. Oder einen Ort zum Verweilen für romantisch veranlagte Geisteswissenschaftlerinnen, die davon träumen, dass jemand sie inniglich begehrt.

Nach unserem Gang durch den Botanischen Garten (dem definitiv schönsten Ort auf dem Campus) kam ich schließlich zur Mittagszeit doch noch an meinem Schreibtisch an. Beschwingt, genährt, voller Eindrücke und motiviert, etwas für die Weiterentwicklung meines Evaluationsberichts zu Tutorenschulungen zu tun.

Immer wieder neu zu entdecken, was einen alltäglich umgibt, und auch die scheinbar unscheinbaren Dinge des Lebens mit liebenden Augen zu sehen, das ist vermutlich die wahre Lebenskunst. Ich würde sagen, heute war ich ein recht erfolgreicher Lebenskünstler… und sehr zufrieden.

2 Gedanken zu “Campuskunst – oder: über die kleinen Freuden

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