Flohmarktgestöber am Rheinufer

An diesem ersten Samstag im August schloss ich eine Bildungslücke: Ich war zum ersten Mal auf dem Flohmarkt am Mainzer Rheinufer. (Hurra, noch ein erstes Mal in diesem Jahr!)

Der erste Glücksgriff des Tages

Junior und ich trafen uns um kurz nach 9 Uhr mit einer seiner liebsten Freundinnen und deren Eltern, um gemeinsam mit dem Bus in die Stadt zu fahren. Das Flohmarktfeeling fing direkt an der Bushaltestelle an – am Bücherschrank.Jedes Kind nahm ein Buch mit und ich auch. Es war ein hübscher Zufall, dass sich hinter einem Buch, das wir kurz herausnahmen, der kleine Band von Julia Engelmann verbarg: „Eines Tages, Baby“. Julia Engelmann, die junge Poetry-Slamerin, die vor mittlerweile sechs Jahren mit dem YouTube-Video eines Slambeitrags zu Ruhm und Ehre kam, die „Stimme einer Generation“. In ihrem Buch, in dem ich auf der Heimfahrt und später in meiner Hängematte las, gibt es auch eine „Wunschliste“ an den Weihnachtsmann, die sehr süß ist. Ein Auszug:

„Ich wünsche mir eine Mundharmonika und eine schöne neue Mütze,
damit ich musizieren kann und meine Ohren davor geschützt sind.
Ich wünsche mir ein Weltschmerzpflaster zum Mich-selber-Reparieren.
Ich wünsche mir ein Denkarium zum Gedankenaussortieren.
Ich wünsche mir Schuhe, nicht zu große, sondern welche, die gut passen,
und ein fußmattengroßes Stempelkissen zum Spurenhinterlassen.
Und ich wünsche mir einen Peilsender für meinen Schlüsselbund
und ein fancy Batman-Outfit für meinen Schweinehund.“

Ob’s vielleicht etwas davon auf dem Flohmarkt gibt?

Der Weg zum Ziel

Eine der größten Lektionen des Elterndaseins ist vermutlich, dass man lernt, seine Vorhaben flexibler anzugehen. Kinder funktionieren nicht. Sie leben. Und sie nehmen eher ungern Rücksicht darauf, was sich ihre Eltern in den Kopf gesetzt haben, sondern haben ihre eigenen Vorstellungen. Regelmäßig muss man sich als Motivationskünstler, Gewohnheitenbildner oder gelassener Buddha verstehen, wenn es darum geht, morgens pünktlich aus dem Haus zu kommen, weil Mama/Papa eben doch auf der Arbeit erwartet werden, rechtzeitig zu Terminen zu erscheinen, obwohl die Kinder gerade schön spielen oder eben tatsächlich am Flohmarkt anzukommen, wenn das das ausgerufene Ziel ist. Der Weg zum Rheinufer hatte entsprechend seine kleine Herausforderung: „Ich muss Pipi! Jetzt!“ verkündete mein Junior im Bus. So stiegen wir also schon am Gautor aus und stellten ihn hinter einen Busch. Alles ging gut. Nun könnte man entweder a) genervt sein („Jetzt müssen wir auf den nächsten Bus warten oder runter laufen. Wir kommen vermutlich niiiiie auf dem Flohmarkt an, wenn das so weitergeht!“) oder b) sich darüber freuen, noch ein paar Extraschritte laufen und zwischendurch beim Bäcker einen Kaffee kaufen zu dürfen. Für reguläre Flohmarktgänger scheint die Regel „Je früher, desto besser“ zu gelten. Für Eltern gilt die Regel: „Zufrieden ankommen – egal wann“. Am Schillerplatz stiegen wir in den nächsten Bus zum Brückenkopf ein und ließen die Kinder kurz vor dem Ziel noch einmal für ein paar Minuten durch einen leeren Brunnen tollen. Noch etwas Auslauf, bevor sie gleich an die imaginäre Leine kommen, um in der Menschenmenge nicht verloren zu gehen.

Finden ohne zu suchen

Ehrlich gesagt war ich bislang kein großer Freund von Flohmärkten. Tatsächlich gehöre ich auch zu den Frauen, die ungern über Preise verhandeln. Entsprechend wies mich mein begleitender Flohmarktprofi darauf hin, dass mein Verhalten automatisch höhere Preise nach sich ziehen würde: „Wenn du schon so interessiert guckst, dann wissen sie gleich, dass du bereit bist mehr als nötig zu geben.“ Stattdessen solle ich lieber skeptisch gucken und so tun, als wäre ich eigentlich gar nicht wirklich interessiert, aber nun ja, ich würde es mitnehmen, obwohl ich es eigentlich gar nicht brauche, wenn es denn nur… naja, jedenfalls deutlich weniger kosten würde. Man erbarmt sich quasi, dem anderen gegen ein kleines Entgelt etwas abzunehmen, damit der andere es nicht wieder mit nach Hause nehmen muss. Geradezu großmütig. Es sind wohl zwei Faktoren, die mich von dieser geldbeutelschonenenden Strategie abhalten:

  1. Ich bin einfach zu harmonisch und diskutiere nicht gerne. Auch wenn es mit Menschen ist, die mir vermutlich nie wieder über den Weg laufen, und in einer Situation, in der es sogar als normal gilt, erst einmal nicht mit dem Preis zufrieden zu sein. Ich bin einfach eher ein Ja-Sager als ein Nein-Sager.
  2. Auch Dinge mögen Wertschätzung. Also akzeptiere ich den Wert, den ihre Eigentümer ihnen beimessen weitgehend. Einen minimalen Verhandlungsspielraum sehe ich durchaus, aber wenn mir ein Preis zu hoch erscheint, dann verzichte ich im Zweifelsfall lieber als mir beim Runterhandeln irgendwann dreist vorzukommen.

Und dann ist da noch ein dritter Punkt, der mein Flohmarktverhalten maßgeblich beeinflusst: Eigentlich will ich gar nichts kaufen. Das Haus ist voll und Eigentum verpflichtet. Es ist wieder etwas, das herumliegt und aufgeräumt werden will. Ich ging also mit dem Vorhaben los, möglichst wenig zu kaufen und mich nicht von schönem Unsinn in Versuchung führen zu lassen. (Zumindest nicht allzu oft.)Als gute Mutti blieb ich letztlich vor allem bei den Kindersachen stehen. Lego wird daheim ausgiebig bespielt und ist quasi wertbeständig. Außerdem unterstütze ich die Sammelleidenschaft meines Juniors für Spielzeugautos… Bücher kann man natürlich auch immer gebrauchen, da kaufen wir eh so selten welche, dass mir der Flohmarkt als ideale Gelegenheit für den ein oder anderen Neuerwerb schien.Unsere kleine Begleiterin entschied sich neben Büchern und Puzzeln auch für klassische Mädchendinge wie Schmuck. Das absolute Highlight war jedoch definitiv das rosa Plüschtelefon – für 3 Euro. Mit dem man sogar tatsächlich telefonieren kann! Großartig! An dieser Stelle war ich glatt ein wenig neidisch, was ziemlich unsinnig ist, weil wir daheim seit 11 Jahren ein Telefon mit Headset-Anschluss nutzen, dass ich enorm gern habe, weil man beim Telefonieren prima kochen oder aufräumen kann. Wieso sollte ich mich wieder an ein Kabel binden wollen? (Ja… einfach weil es FANCY ist… und ein wenig retro… und unglaublich rosa…)Ich blieb meiner Linie insgesamt treu. Auch weil ich bald feststellte, dass meine Tasche irgendwann voll und schwer ist. Die Ohrringe wären hübsch gewesen… aber sind sie notwendig? Unser Einkauf fiel übersichtlich aus und das war auch gut so. Junior liebte vor allem seine drei neuen Dinofiguren. Er begann direkt damit, ihnen die Welt zu zeigen und fütterte sie mit Salamibrötchen. Außerdem durften sie mit dem neuerworbenen Cabrio fahren.Von meinem Söhnchen und auch von seiner Freundin war ich überaus positiv überrascht. Meine Vision, sie würden ständig wegen irgendwas herumquengeln („Ich will das haaaaaben!“) oder davon laufen, während man selbst noch an einem Stand guckt, erwies sich als unbegründet. Jeder hatte etwas gefunden und war damit überaus zufrieden. Für die Große brachte ich ein Buch über die Werke des M.C. Escher mit, damit sie tatsächlich ihr Referat im Kunstunterricht halten kann, das ich mit ihr im Den Haager Museum vereinbart hatte (da waren wir ja erst). 1,60 Euro für die Bildung sozusagen.

Mini-Chillout auf dem Rheinspielplatz

Einige Meter nach dem Kaisertor, wo der Flohmarkt endet, gibt es den schönen Spielplatz direkt am Rhein. Dort stellten wir unsere vollen Einkaufstüten ab, ließen die lieben Kiddies laufen und… schauten nach den Heimreisemöglichkeiten. Es war kurz nach 12 Uhr und da um 15 Uhr bereits das Anschlussprogramm für die beiden Kleinen anstand, wurde es tatsächlich Zeit, sich über die Busfahrtzeiten und Lunchvorlieben auszutauschen. Die Spielplatzpause fiel reichlich kurz aus. Gerade einmal 20 Minuten verweilten wir, bevor wir die Kinder zur nächsten Bushaltestelle trieben.Gerne wären wir noch länger geblieben. Dann hätte ich auch Gelegenheit gehabt, bei einem bekannten Gesicht Hallo zu sagen. Der Gute hatte es sich am Spielplatzrand auf einer Picknickdecke gemütlich gemacht, während seine beiden Kinder beschäftigt waren. Ich träumte auch kurz davon, mit einem kühlen Getränk auf der Wiese zu liegen, aber daraus wurde an diesem Tag eben einfach nichts. Man kann nicht alles haben. Weder auf dem Flohmarkt noch sonst. Dafür bekam ich immerhin einen vegetarischen Döner am Bahnhof und einen Bus nach Ebersheim ohne Umsteigen am Mühldreieck.Um 14.10 Uhr waren wir wieder daheim und packten unsere neuen Schätze aus. Noch kurz plaudern mit dem Liebsten, die Jeans gegen einen Rock tauschen und dann quasi direkt weiter im Programm: Ab zum Kindergeburtstag ein paar Häuser weiter.Ich war so glücklich, dass ich mich dort in die Hollywoodschaukel fallen lassen konnte, einen Latte macchiato gemacht bekam und mich um nichts kümmern musste. Den Kindern zugucken, mit den anderen Damen reden, Sonne genießen. Und nach einer Stunde blieb sogar noch Zeit für einen Spaziergang und meine Hängematte. Dort ließ ich erneut Julia Engelmann zu mir sprechen. Ach, Lyrik ist schon auch mal schön…Die letzten Zeilen in Julias Buch „Eines Tages, Baby“ lauten übrigens:

„Wir können alles sein,
wir haben, was wir brauchen,
und wo immer wir sind,
da gehören wir auch hin.“

Worte, die sehr viel Ruhe ausdrücken, Zuversicht und Dankbarkeit… Zum Glück braucht es nicht viel.Auch Lust auf Flohmarkt am Rheinufer bekommen? Hier findet ihr die nächsten Termine!

Ein Gedanke zu “Flohmarktgestöber am Rheinufer

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