Was mich mein Sofa lehrt

Manchmal sind es scheinbar ganz banale Dinge, die eine Botschaft für uns haben. Oder durch die wir etwas über unsere Denkweisen lernen. Bei mir war es heute unser altes Sofa.

Unser „altes Sofa“ ist eigentlich gar nicht alt. Wir haben es vor gerade einmal vier Jahren gekauft. Damals war unser Junior noch ziemlich klein, hatte noch nicht einmal seinen ersten Geburtstag gefeiert. Eigentlich kauft man mit kleinen Kindern am besten kein neues Sofa. Da kann so viel kaputt gehen! Aber es war damals echt nötig. Im Möbelhaus empfahl die Verkäuferin: „Nehmen Sie doch ein Sofa mit Kunstlederbezug. Das kann man problemlos abwischen!“ Wir fanden die Idee gut. So wurde es gemacht.

Als ich wenige Jahre später wieder ins Möbelhaus zurück kam und mitteilte, dass das Kunstleder sich bereits an allen Ecken und Enden in Luft auflöst, erklärte mir der Verkäufer: „Ja, das ist doch klar! Kunstleder wird schnell brüchig und reißt dann überall. Vor allem, wenn Sie es feucht abwischen!“ (Die junge Kollegin von damals arbeitete übrigens bereits nicht mehr bei diesem Möbelhaus. Außerdem, so der Hinweis des neuen Verkäufers, achte man inzwischen verstärkt darauf, Leute einzustellen, die über mehr Fachkompetenz verfügen… was mir sehr sinnvoll erscheint…)

Mein Entsetzen über die frühzeitigen Auflösungserscheinungen unseres Sofas hatte ich im August 2018 kundgetan. Es dauerte noch ein dreiviertel Jahr, bis wir uns dazu aufraffen konnten, ein neues Sofa auszuwählen, um die alte Couch zu ersetzen. Ich wollte es einfach nicht wahrhaben, dass nach so kurzer Zeit etwas Neues her muss, weil ich es absurd fand, schon wieder so viel Geld auszugeben und dafür auch noch Aufwand betreiben zu müssen. Und beim Gedanken an die Ressourcenverschwendung, wird man ohnehin ärgerlich. So viel Arbeit so schnell für den Müll. Eigentlich wollten wir auch nicht Teil dieser Wegwerfgesellschaft sein. Wir saßen das Problem also noch einige Monate aus. Ich versuchte mich daran, mit unserer neuen Nähmaschine und Unterstützung einer Expertin einen Überwurf herzustellen, der die riesigen Risse überdecken sollte. Es war keine ideale Lösung, aber vorübergehend ganz okay.

Die Zeit mit jenem Überwurf war interessanterweise ziemlich schockierend für mich – hinsichtlich der Hausfrauenperspektive auf die Pflege eines Sofas: Da man die beiden Stoffteile problemlos vom Sofa entfernen konnte, weil sie einfach nur in die Ritzen gesteckt wurden, hatte ich die Möglichkeit, sie einfach mal zu waschen, wenn es nötig war. Und es war nötig. Ständig! In welcher geringen Zeitspanne alles vollgekrümelt war, sandig, kleine Flecken hatte – irre! So sehr es mich nervte, ständig die Decken feststecken zu müssen, so sehr beruhigte es mich doch auch, dass ich genau das konnte: Dranmachen, abmachen, dranmachen, abmachen. Und so graute mir auch ein wenig vor dem Gedanken an ein neues Sofa, auf dem sich früher oder später ganz sicher ebenfalls Krümel, Sand und Flecken einfinden – das aber nicht in die Waschmaschine passt. Und ein neues Sofa zwecks Schonung zuzudecken… nein, irgendwie wirkt das zu hysterisch. Oder?

Im Juni war es dann soweit: Wir wählten unser neues Sofa aus. Es sollte wieder blau werden und viel Platz für Gemütlichkeit bieten. Wir wurden auch recht rasch fündig. Amüsanterweise sandte uns das Schicksal noch einen bestätigenden Fingerzeig: Nachdem wir uns für ein Sofa entschieden, es aber noch nicht gekauft hatten, besuchten wir am gleichen Tag Freunde in Ginsheim – und in ihrem Wohnzimmer stand unser ausgewähltes Sofa! „Ja, das ist prima! Könnt ihr kaufen!“ lautete die Empfehlung unserer Testfamilie. Großartig! Mitte Juni unterschrieben wir den Kaufvertrag.

9 Wochen später fanden wir endlich eine Karte im Briefkasten: Ihr Sofa kann abgeholt werden! Das war am Montag.

Endlich! Es war uns vorgekommen wie eine Ewigkeit. 9 Wochen. Man ist es gar nicht mehr gewohnt, dass man Geduld aufbringen muss, bis man etwas bekommt. Eigentlich geht in unseren Durchschnittsbürgerkreisen schon immer alles sehr schnell: Ist die Waschmaschine kaputt, bestellt man sich direkt eine Neue. Als bei meinem Vater der Fernseher den Dienst versagte, fuhr er umgehend ins Geschäft und holte sich Ersatz. Sicherlich gibt es auch reichlich Menschen, die noch für eine Anschaffung sparen (müssen), aber wenn ich mich umschaue und mich selbst betrachte, dann stelle ich fest, dass insgesamt schnell zugegriffen wird. Will ich haben, hol ich mir. Als heimlichen Helden unserer Zeit feiern wir deshalb meinen Schwiegervater, über den unser Junior kürzlich stolz sagte: „Mein Opa kann alles reparieren!“ Nun ja… bis auf unser Sofa…

Gestern holten wir unseren zukünftigen blauen Mitbewohner ab. Und stellten das zerschlissene Sofa vor die Tür, wo es am Freitagmorgen vom Sperrmüll abgeholt werden soll. „Können wir es andersrum stellen, so dass man die ganzen Risse nicht sieht?“, bat ich meinen Mann. Der erwiderte: „Nee, lass die Leute doch sehen, wie wahnsinnig umweltbewusst wir sind. Leben sogar mit so einem Sofa – so lange bis es echt total fertig aussieht.“ Na gut. Trotzdem war es mir zunächst peinlich…

Aber dann…

Während die Große zum Mädelsfußballtraining ging, konnte ich den Kleinen nochmal vor die Tür auf den Spielplatz schicken. Eine seiner Freundinnen hatte mich sogar ganz nett darum gebeten: „Yasmin, kannst du sagen, dass ich mit ihm spielen möchte und er rauskommen soll?“ Klaro, gerne. Dann kam noch ein Kindergartenkumpel dazu. Alles bestens. Auch ich hätte auf dem Spielplatz Menschen zum Unterhalten gefunden. Aber ich war gestern ungesellig. Innerlich verspannt. Offenbar hatte ich im Laufe des Tages die Zähne so fest aufeinandergebissen, dass mir der Kiefer weh tat. Ich blieb einfach auf unseren Hauseingangsstufen sitzen, hatte mir ein Buch mitgenommen, guckte aber doch primär den Kindern zu. Sie waren so schön fröhlich.

Und dann bekam ich Gesellschaft. Die Mama des Kindergartenkumpelchens lief zu mir nach oben und natürlich war das mitten vor der Haustür stehende Sofa ein naheliegendes Gesprächsthema. Ich lud sie zum gemütlichen Verweilen ein. Wann steht da schon einmal ein Sofa mit Blick auf den Spielplatz, wundervoll in der Abendsonne? Eigentlich eine Sensation! Und da ich mich auf die gerissene Stelle setzte, sah es auch gar nicht mehr so schlimm aus.

Sie holte mich jedenfalls aus meiner mittelmäßigen Stimmung heraus. Nachdem wir uns eine Weile über den alltäglichen Wahnsinn und die Kinder unterhalten hatten, sagte sie mir, dass ich vor einer Weile ein paar kluge Worte in meinem WhatsApp-Status gepostet hatte, die sie sogar abspeicherte, weil sie die Zeilen als so wahr und beruhigend empfunden hatte:

Hast du ein Problem im Leben? Nein?
Wieso regst du dich dann auf?

Hast du ein Problem im Leben? Ja?
Und kannst du etwas dagegen tun? Ja?
Wieso regst du dich dann auf?

Hast du ein Problem im Leben? Ja?
Und kannst du etwas dagegen tun? Nein?
Wieso regst du dich dann auf?

(Gefunden in: Harald Glööckler: Fuck you, Brain! 2017… Ja, ich weiß, kein eleganter Titel, aber definitiv ein lesenswertes Buch!)

Und dann lag da noch mein aktuelles Buch bei uns auf dem Sofa und sie warf einen neugierigen Blick darauf: „Buddhistische Psychologie“ von Thich Nhat Hanh. Ich erzählte ihr von meinem Pfingstwochenende im buddhistischen Kloster und so kamen wir in ein Gespräch, das deutlich über den üblichen Spielplatz-Smalltalk hinaus ging. Es war eine echte Begegnung und ich war sehr fasziniert von ihr. Diese junge Frau, deren herzliche und irgendwie mädchenhafte Ausstrahlung mir von Anfang an aufgefallen war, ist auch eine Suchende. Sie fragt sich genauso wie ich, wie ein gutes Leben gelingen kann, und was wir unseren Kindern dafür mitgeben sollten.

Auf unserem zerschlissenen Sofa erzählte sie mir auch von ihrer Freundin, die schwer erkrankt sei, und nun das Leben ganz anders genieße, alles viel bewusster wahrnehme und schon für scheinbar Selbstverständliches dankbar ist. Sie habe viel von ihrer Freundin gelernt.
Natürlich wissen wir alle irgendwo, dass das Leben endlich ist, wir alle werden sterben – also carpe diem. Aber das liegt für uns in der Zukunft und ist irgendwie hypothetisch, aber nicht wirklich greifbar. Bis es soweit ist, müssen wir dem Glück noch hinterher jagen und es hoffentlich irgendwann erwischen! Wir schlingen unser Essen schnell herunter, weil wir uns gleich noch um „Wichtigeres“ kümmern müssen, und unsere Gedanken bleiben in Vergangenem stecken oder sind schon im Zukünftigen – aber überraschend selten im Hier und Jetzt. Und im Falle freier Zeit wird der Fernseher oder das Internet angemacht, damit wir uns effektiv und möglichst unterhaltsam von unserer tatsächlichen Umgebung und uns selbst ablenken können.

Wenn jene totkranke Freundin ihren Tee trinkt, dann trinkt sie ihren Tee. Sie freut sich darüber, dass sie ihn noch selbst zubereiten kann. Dass sie ihn selbst trinken kann. Sie weiß, dass der letzte Tee eines Tages kommen wird, und bis zu dieser letzten Tasse will sie den Geschmack schmecken und die Wärme spüren, die er schenkt. Das Bewusstsein für die Endlichkeit ihres Seins hat sie wachgerüttelt. Und sie akzeptiert es, macht das Beste aus dem, was ist und kommen wird. Das ist bewundernswert und berührend. Es ist eine Botschaft für uns gesunde Gehetzte, eine Aufforderung zum Innehalten und zur Dankbarkeit.

Vergänglichkeit macht uns in der Regel Angst. Wenn ich sage, dass ich unglaublich gerne auf Friedhöfen bin, halten die Menschen mich mitunter für makaber. Der Tod ist für sie nicht Teil des Lebens, sondern primär unangenehm. Und auch sonst sind Veränderungen uns tendenziell zunächst ein Gräuel. Klar, Unbequemes und Störendes wollen wir rasch loswerden, aber das Schöne wollen wir unbedingt festhalten. Die lieben Menschen in unserem Leben dürfen uns niemals verlassen. Tolle Momente sollen eine Ewigkeit währen. Aber alles ist vergänglich. Alles. Leben ist Veränderung. Im Buddhismus zählt Anhaftung (neben Unwissenheit und Widerstand) zu den drei Ursachen für vermeidbares Leiden. In einem sehr eindrucksvollen Buch, das ich gerade lese, heißt es dazu:

„Das Anhaften kann sich sehr unterschiedlich manifestieren. Es reicht von der Liebe zu schönen Dingen, dem Wunsch nach Genuss, dem Begehren bis hin zu Gier und Sucht. Damit ist jede Form des Festhaltens, sowohl der gedanklichen als auch der physisch-materiellen Anhaftung und Fixierung, der Grübelzwänge, des Nicht-Loslassens, des Haben-Wollens etc. gemeint.“ (Matthias Ennenbach: Buddhistische Psychotherapie. Ein Leitfaden für heilsame Veränderungen, Oberstdorf 2011, S. 280)

Könnt ihr euch vorstellen, wie ich da auf diesem kaputten Sofa mit dieser wunderbaren Gesprächspartnerin in der Sonne saß und mich mit ihr über das Dasein und dessen Vergänglichkeit unterhielt? Auf diesem Sofa, an dem wir über Monate hinweg noch festgehalten hatten, das nun aber endlich weg sollte, im Austausch gegen das neue Sofa, das bereits in unser Wohnzimmer eingezogen war. Ich hatte wirklich wochenlang sehnsüchtig auf den Moment gewartet, in dem das Kaputte gehen würde, um etwas Neuem Platz zu machen. Und plötzlich beschlich mich kurz die Wehmut: Wir hatten vier Jahre mit diesem Sofa gelebt. So viele Menschen haben schon darauf gesessen, die uns wichtig sind. Und nun ist die gemeinsame Zeit vorbei. Nein, keine Sorge, ich verfiel nicht in Anhaftung und stellte das Sofa natürlich nicht wieder ins Haus, weil ich es plötzlich nicht mehr gehen lassen wollte. Aber ich ärgerte mich nun nicht mehr über seine (aus meiner Sicht zu rasche) Vergänglichkeit. Es ist eben so. Stattdessen empfand ich vielmehr Dankbarkeit – für die Momente, an denen dieses Möbelstück Anteil hatte, und auch für unseren Reichtum, der es uns erlaubt, es einfach auszutauschen und Raum für Neues zu schaffen. Ich dachte an diese sympathische, japanische Aufräumexpertin, Marie Kondo, die einem ans Herz legt, sich bei den Gegenständigen zu bedanken, bevor man sie wegwirft oder weitergibt. Und genau das tat ich gestern Abend in Gedanken und freute mich, dass ich das Sofa noch mit so einem netten Menschen geteilt hatte, so eine schöne Unterhaltung darauf führen durfte. Später kuschelte ich auch noch mit dem Kleinen eine Bilderbuchlänge dort – bis es schließlich zu kühl und langsam dunkel wurde.

Während ich einen kleinen Abendspaziergang machte, brachte mein Mann die Kinder ins Bad und ins Bett. Dann trafen wir uns im Wohnzimmer auf dem neuen Sofa. Er schaltete den Fernseher ein und an dieser Stelle hätte es passieren können, dass wir unser Zusammenleben auf dem blauen Kuschelriesen damit beginnen, nebeneinander zu hocken und uns berieseln zu lassen. „Der nervt“, tat ich nach einigen Minuten kund, schnitt dem Fernseher das Wort ab und füllte den Raum stattdessen mit Musik. Wir verbrachten eine Filmlänge ohne Film zusammen, schenkten einander die Aufmerksamkeit, die im Alltagstrubel oftmals zu kurz kommt, und zogen am Ende des Abends das Resümee: Sehr gemütlich und wunderbar geräumig, das neue Blaue. Dann kuschelte ich mich in die Wolldecke und schlief ein. Auf dem Sofa.

3 Gedanken zu “Was mich mein Sofa lehrt

  1. Hans C. schreibt:

    Ich heiße Hans, Hans Castorp und nicht Michael. Ich komme aus Hamburg, bin Ingenieur und besuche gerade meinen Vetter Joachim in der Schweiz. Mein Freund, Lodovico Settembrini, hat mir diesen Blog empfohlen. Ich widme mich gerade der sentimentalen Weltflucht auf dem Zauberberg. Aber wie auch immer, da ich aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg schreibe und wir dort eh kaum Internet haben, werde ich hier nichts mehr kommentieren. Mein Interesse liegt auch ganz bei Madame Clawdia Chauchat, der „kirgisenäugigen“ Gattin eines höheren Beamten – die ich russische Prinzessin nenne. Also lebe wohl Autorin dieser interaktiven Zeitschrift und weiterhin viel Freude mit dem Texten von texten und den bebildern von Texten mit Bildern und dem verlinken von Links. Otio me do!

    Gefällt 1 Person

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