Erlebnisideen · Raus aus Mainz

Was bringt die Zukunft (vielleicht)? Ein Ausflug ins Futurium

Die Vorgeschichte

Nachdem meine Lieben ihren kleinen Urlaub im sonnigen Süden gebucht hatten, überlegte ich, was ich mit meinen familienfreien Tagen anfangen könnte. Ich hatte natürlich einige Ideen… Dass ich tatsächlich den eigentlich aufwändigsten Plan umsetzen würde, hatte ich beim ersten Brainstroming nicht erwartet: Nachdem ich meine ehemalige Kommilitonin Susanne per E-Mail angeschrieben und gefragt hatte, ob sie sich nicht zufällig in jenen Oktobertagen etwas Zeit für mich nehmen könnte, kam erfreulich rasch die freundliche Rückmeldung: „Super! Komm mich besuchen!“ Yuppie! Noch am selben Tag kaufte ich mir meine Zugfahrkarte nach Berlin.

Wieso hatte ich ausgerechnet sie nach so langer Zeit im Kopf, fragt ihr euch vielleicht. Wir hatten immerhin 10 Jahre lang keinen Kontakt. Die ehrliche Antwort lautet: Nicht nur, weil ich immer mal wieder an sie dachte, sondern auch, weil sie einen wahnsinnig interessanten Job hat, der mich sehr neugierig machte. Sie hat nämlich ein ganz neues Museum mit aufgebaut, das nun seit September 2019 seine Tore geöffnet hat (es ist also gerademal ein paar Wochen alt!): Das Futurium in Berlin.

Ich beschloss also, eine kleine Zeitreise zu machen. Einerseits wollte ich in der gemeinsamen Vergangenheit schwelgen und schauen, was von ihr übrig geblieben ist, anderseits einen Blick in die Zukunft werfen und mir einen Eindruck davon machen, wie diese (möglicherweise) aussehen wird – und v.a. auch wie man die Zukunftsperspektive museal aufbereiten kann. Nachdem ich dieses Jahr ein für meine Verhältnisse sehr fleißiger Museumsbesucher war, passte das Futurium gut in die Reihe meiner diesjährigen Bildungsausflüge. Und ich war gespannt, was aktuell in der Museumswelt „state of the art“ ist (gerade auch im Vergleich mit dem ebenfalls erst in 2019 eröffneten Experimenta in Heilbronn).

ZeitREISEbeginn

Berlin, Berlin, ich fahre nach Berlin! Ich freute mich auf die Reise in die Hauptstadt, in welcher ich bereits vor vielen, vielen Jahren für ein paar Wochen gewohnt hatte, um dort ein Praktikum zu absolvieren. Ich stand also nicht unter Sightseeing-Druck… und generell war mein Vorsatz: Alles entspannt angehen! Ich bin im Urlaub, nicht auf der Flucht! (Ihr kennt das ja vielleicht auch: Man hat ein begrenztes Zeitbudget und daraus resultierend das Bedürfnis, die vorhandene Zeit möglichst effizient zu nutzen, möglichst viel zu erleben und das nach Möglichkeit zugleich noch zu genießen… Man steht unter Strom, hatte hohe Erwartungen – und ist im wesentlichen nicht entspannt, sondern gestresst.) Nach dem Motto „Der Weg ist das Ziel“ verlängerte ich die ohnehin umfangreiche Reisezeit noch: Ich fuhr eine Bahn früher nach Frankfurt als eigentlich vorgesehen und war auch früher am Mainzer Bahnhof als für die frühere Bahn notwendig gewesen wäre. Mein „unnötiger“ Aufenthalt am Mainzer Bahnhof diente dem Frühstücks- und Mitbringselerwerb (Latte Macchhiato und Schnittlauchbrezel, Gummibärchen in Form des Mainzer Doms), mein verlängerter Aufenthalt in Frankfurt dem Besuch der dortigen Buchhandlung, die ich wirklich sehr gern mag, weil es dort immer etwas zu entdecken gibt.

Diesmal war es der zweite Teil meines Gastgeschenks: Ein Notizbuch mit der Aufschrift „The future is golden. Make the best out of it“. Sehr passend für eine Mitarbeiterin des Futuriums, dachte ich. Möge diese Aussage zutreffend sein.

Das Futurium in Berlin

Mein Zug kam um 14 Uhr am Berliner Hauptbahnhof an und ich war zunächst beeindruckt: Wow, was ein riesiger Bahnhof! Die Qual der Wahl in Sachen Mittagessen. Beinahe hätte ich der veganen Currywurst eine Chance gegeben, aber ich traf dann die vermeintlich bessere Entscheidung und setzte mich mit einem Wrap ans Spreeufer. Leider war der Salat im Wrap knusprig und schlabbrig zugleich. Nämlich sandig und nicht wirklich frisch. Das begrenzte Essensvergnügen ließ mich dann noch zum Bäcker gehen. Schokowuppies waren leider aus – also erstmals ein Zimtwuppie. Schmeckt extrem nach Weihnachten. Faszinierend.

Um 15 Uhr war ich dann mit Susanne verabredet. Das war kein Problem, ich hatte reichlich Zeit, denn das Futurium liegt wirklich nur drei Gehminuten vom Bahnhof entfernt. Die Architektur des Gebäudes wurde in den Zeitungsberichten rund um die Eröffnung nicht besonders gefeiert (Deutschlandfunk nennt es z.B. eine „fünfeckige Schachtel“, die aus den 1990ern zu kommen scheint). Aber was soll’s, dachte ich mir. Form follows function, heißt es doch, und im Inneren des Gebäudes schien mir beim ersten Durchlaufen soweit alles stimmig. Geräumig, aber nicht überdimensioniert, übersichtlich und doch überraschend, manchmal lichtdurchflutet und hell, manchmal etwas höhlenartig. Also in einem Wort gesprochen: Vielfältig!

Auch in didaktischer Hinsicht ist „vielfältig“ ein treffendes Charakteristikum. Weitere Adjektive, die mir in den Sinn kamen: Modern, verspielt, umfangreich und zugleich pointiert.

Die Ausstellung unterteilt sich in drei große Themengebiete: Mensch, Technik und Natur. Ich fühlte mich – ganz Kulturwissenschaftlerin – primär vom Themengebiet „Mensch“ angezogen, in dem es u.a. um unser Konsumverhalten ging, um das soziale Miteinander und um unseren Umgang mit Zeit.

Die aufgegriffenen Themen werden häufig mit Fragestellungen eingeleitet. „Wie wollen wir arbeiten?“ lautete beispielsweise eine Überschrift. Fragen wie diese beantwortet die Ausstellung über vielfältigen Medieneinsatz: klassischen Text (immer auch auf Englisch), Grafiken, kurze Audio- oder Filmbeiträge, interaktive Elemente wie die Abstimmungssäule mit den Holzkügelchen,… Die Texte sind knapp gehalten. Oder besser gesagt: enorm prägnant. Das hat gerade für Menschen mit jüngeren Kindern einen enormen Vorteil: Die Texte können rasch (vor-)gelesen werden. „Die Leute sollen nicht das Gefühl haben, dass sie ins Museum kommen, um dann quasi ein Buch zu lesen. Das können sie auch daheim. Wir haben versucht, möglichst viele Sinne anzusprechen“, erläuterte Susanne mir den dahinterstehenden Gedanken. Ich finde die „Texthäppchen“ sehr ansprechend.

Meine Lieblingsecke war ein Bereich zum Thema Zeit. Ich machte es mir bei den verschiedenen Audioaufnahmen bequem und hörte mir an, was ganz unterschiedliche Leute zum Thema Zeit berichteten. Da gab es beispielsweise eine Autorin, die ein Buch über „Warten“ geschrieben hat. Am meisten faszinierten mich aber die Gedanken des Künstlers Fiete Stolte, der in einem alternativen Zeitkonzept lebt. Seine Woche besteht aus 8 Tagen mit jeweils 21 Stunden. Einmal wöchentlich lebt er wieder in der selben Tagesstruktur wie alle anderen Menschen, aber dann verschiebt sich alles um drei Stunden. Irgendwann liegt seine Frühstückszeit in der Nacht. Hell und Dunkel verlieren an Bedeutung.

Und natürlich liebte ich in dieser gemütlichen Sitzecke auch die Illustration mit dem Flaneur, der seine Schildkröte spazieren führt. (Auch ich hatte mir im einem Anfall von Exzentrik überlegt, ob ich mir nicht ganz allein aus symbolischen Gründen eine Schildkröte zulegen sollte… okay, und um die Kinder ruhig zu stellen, die sich regelmäßig ein Haustier wünschen…)

Apropos Sitzecke: Es gibt einige gemütliche Sitzecken. Diese tollen Sofas befinden sich im Untergeschoss. Zu den Sitzgruppen gehören jeweils Tische mit Bilderbüchern, eine Chillout-Einladung gerade auch für Familien mit Kindern.

Die zweite Chillout-Möglichkeit bietet das begehbare Dach, der sogenannte Skywalk. Die Aussicht ist hübsch, das Ambiente dort oben aber eigentlich nicht allzu prickelnd. Auf Grund der Solaranlage war leider kein Platz mehr für eine schöne Dachbegrünung mit Hängematten, so wie ich es mir gewünscht hätte. Und einer Cocktailbar…

Natürlich hab ich Susanne auch gefragt, was ihr Lieblingsexponat im Haus ist. Da gab es natürlich mehrere, aber das Insekten-Essbesteck hat für sie eine besondere Bedeutung, da es das erste Ausstellungsstück war, für welches sie einen internationalen Leihvertrag aufsetzen musste. Es kam aus Japan ins Futurium. Ursprünglich war es die Abschlussarbeit eines Design-Studenten, der sich damit beschäftigte, wie man Besteck machen könnte, wenn wir zukünftig möglicherweise vermehrt Insekten essen.

Die Frage nach unserer zukünftigen Art zu Essen war auch an anderen Stellen präsent. So wurde beispielsweise das Projekt Nourished vorgestellt: Die Idee ist es, den Genuss beim Essen zu simulieren, während man aber eigentlich „vernünftig“ ist. Während wir also irgendwas essen, das viele Nährstoffe enthält, außerdem kostengünstig, aber leider wenig lecker ist, gaukelt uns das Equipment vor, dass wir etwas ganz anderes essen. Dafür werden Essensgerüche verbreitet, die Augmented Reality-Brille zeigt uns ein hübsches Gericht,… Eigentlich ganz praktisch. Aber irgendwie erinnert es doch schon ein wenig an das Leben in der „Matrix“, die uns alles vorgaukelt, während die Körper einfach nur irgendwo liegen. Unheimlich…

Der Bereich zum Wohnen war mir dann wieder sympathischer. Ich bin gespannt, was sich in diesem Feld noch alles tun wird. Die Vorstellung von Schafen auf begrünten Hochhausdächern hatte jedenfalls ihren Charme. Es wäre schön, wenn sich die Menschen wieder vom rein pragmatischen Bauen verabschieden. Auch wir leben ja in einem ganz normalen Haus in einer ganz normalen Neubausiedlung. Das ist okay, aber da geht sicherlich mehr – sowohl was die Schönheit als auch die Umweltfreundlichkeit betrifft. Noch ist es eben das „Normale“. Aber beim nächsten Haus wären wir vielleicht auch etwas origineller und würden uns mehr mit den vorhandenen Möglichkeiten auseinandersetzen.

Ich konnte euch nun noch eine Menge mehr erzählen, aber nun hab ich gefühlt bereits Jahre für diesen Beitrag gebraucht. Heute muss er endlich freigegeben werden. Und deshalb schließe ich meine Berichterstattung an dieser Stelle mit einem Zitat von Albert Camus beenden:

„Die wahre Großzügigkeit der Zukunft gegenüber besteht darin, in der Gegenwart alles zu geben.“

Ein karmischer Ansatz. Sehr wahr. Und gerade für mich, die ich so gerne auch faulenze, ein Leitsatz zum hinter die Ohren schreiben…

In diesem Sinne euch eine schöne Woche und frohes Schaffen!