Alltagswandern im Winter – oder: „Ihr seid da echt zu Fuß hingelaufen??!“

Dass ich gerne zu Fuß unterwegs bin, ist vermutlich hinlänglich bekannt. Oft drehe ich meine Runden in unseren Ebersheimer Weinbergen oder laufe wenigstens das Stückchen vom Bahnhof zu meiner Arbeit, also zum Unicampus. Das ist quasi das Minimum. Richtige Wanderwege suche ich nur sehr selten auf. Irgendwie ist es mir zu aufwändig, extra irgendwohin zu fahren, um dann dort zu laufen. Stattdessen versuche ich es gelegentlich, längere Alltagswege, die alle „normalen Menschen“ motorisiert zurücklegen würden, einfach auf zwei Beinen zu gehen. Meistens ist solch eine Aktion nicht besonders ausufernd (siehe hier), aber auch ein zusätzliches Stündchen zu Fuß tut mir einfach gut.

Im November und Dezember gab es jeweils eine längere und zugleich sehr schöne Tour, die ich heute noch festhalten möchte, damit ich sie nicht aus Versehen vergesse – und um euch zu ermuntern, euch euren Alltag ebenfalls gelegentlich zu erlaufen. Der Weg ist auch ein Ziel.

Im Novembergrau zum Wellness-Tempel: Von Klein-Winternheim zur Rheinwelle

„Ich mache nächstes Jahr mit meinem Bruder einen Wanderurlaub. Yasmin, du darfst gerne mit mir ein paar Übungswanderungen machen!“ lud mich eine sehr liebe Lady im November zu einem gemeinsamen Ausflug ein. Ich war natürlich direkt Feuer und Flamme. Wir hatten ursprünglich ein Wochenende im Frankfurter Grüngürtel in Erwägung gezogen, aber ich wollte am liebsten direkt in die Schuhe springen und starten, statt sinnvollerweise auf den Frühling und angenehmes Wetter zu warten. Also erdachte ich mir die ideale Winterwanderung: „Lass uns doch zur Rheinwelle laufen und dort in die Sauna gehen. Pilgern zum Wellness-Tempel.“ Meine Idee stieß auf offene Ohren und bereits in der kommenden Woche räumten wir uns unseren Montag für dieses großartige Unterfangen frei.

Um 6.30 Uhr trafen wir uns. Ursprünglich wollten wir tatsächlich von daheim bis zur Sauna laufen. Das wäre natürlich besonders lustig gewesen. Aber 4 Stunden Fußweg schienen uns dann ausreichend, 5 Stunden etwas übertrieben. Es sollte schließlich noch genügend Zeit für den Saunabesuch bleiben bevor wie am Abend wieder in unser Muttidasein zurückkehrten. Also wählten wir einen Kompromiss: Wir fuhren mit dem Auto nach Klein-Winternheim und starteten von dort. (Am nächsten Abend lief ich dann von daheim zum Auto, um es wieder abzuholen. Der Kleine Mainzer Höhenweg verbindet Ebersheim mit Klein-Winternheim. Eine hübsche Strecke – wenn es nicht gerade matschig ist…)

Das Handy lotste uns zunächst von Klein-Winterheim durch das uns eher wenig vertraute Ober-Olm und schließlich quer durchs nebelige Feld Richtung Wackernheim. Danke, liebe Handynavigation! Sicherlich wäre es auf altmodische Art deutlich abenteuerlicher und vor allem auch langwieriger geworden. Und danke auch an den französischen Sportartikelverkäufer, bei dem ich meine tollen Winterschuhe gekauft habe. Ich bin trockenen Fußes über all die nassen Feldwege mit ihrem hohen Gras gekommen. Dafür war ich wirklich überaus dankbar.

Der Nebel war bezaubernd. Eine richtige Novemberwanderung. Herrlich grau. Aber ohne Regen. Es war perfekt.

Die Stecke zog sich doch ziemlich ordentlich. Zwischen Wackernheim und Ingelheim mussten wir direkt an der Straße laufen – ohne Gehweg. Also schön im Entenmarsch hintereinander. Am Buddhistischen Kloster vorbei, das in ein ehemaliges Restaurant und Hotel eingezogen ist und leider gar keine tolle Ausstrahlung hatte. Aber es passte gut zu unserer Situation, denn an der Hauptstraße ohne Gehweg legten wir fast zwangsläufig einige Minuten des Schweigens ein. Achtsames Gehen sozusagen.

Und dann war da irgendwann endlich Ingelheim, dieses sympathische Städtchen. Wir mussten einmal quer hindurch und nutzten die Gelegenheit, uns erneut mit Getränken und Obst zu versorgen. Muntermacher.

Das letzte Stückchen des Weges beeindruckte dann primär dadurch, dass es wirklich gar nicht schön war. Erst eine riesige Baustellenlandschaft, dann folgte das Gewerbegebiet. Und irgendwann… hurra: Rheinwelle in Sicht! Die 18 Kilometer waren geschafft!

Auf dem Bild könnt ihr die Rheinwelle im Hintergrund erahnen. Wenn man es weiß, erkennt man die Wasserrutsche. Ach, nach fast vier Stunden war es wirklich immens beglückend, endlich am Ziel zu sein. Hinein ins warme Stübchen! Auf vier Stunden Laufen folgten vier Stunden wohligen Rumgammelns. Und etwas zu Essen gab es natürlich auch (Ofenkartoffel mit Tzaziki und Salat). Wir hatten eigentlich gar kein Verlangen, um 16h bereits den Heimweg anzutreten… aber schließlich Konzert wir ja nicht ins Auto springen und schnell zurück düsen, sondern fuhren mit dem ÖPNV. Vom Gau-Algesheimer Bahnhof ging’s nach Mainz und dann mit dem Bus ab nach Hause.

Jetzt wo ich das gerade schreibe, habe ich schon wieder Lust in die Schuhe zu springen. Der Frankfurter Grüngürtel spukt noch immer in meinem Kopf herum…

Erfreulicherweise überraschte mich meine liebe Tochter im Dezember mit einer spontanen Wanderidee. Eine sehr gute Idee, wie sich herausstellte…

Kinder-Kulturtour: In der Dezembersonne von Ebersheim nach Mombach

Für den Samstag nach Weihnachten hatte mein Liebster für uns alle Karten für das Dschungelbuch-Musical besorgt, das in der Mainzer Halle45 gastierte. Am Abend davor ereignete sich folgendes Gespräch zwischen mir und meiner Großen:

Sie: „Mama, wir können doch morgen zum Musical laufen!“
Ich: „Das ist am anderen Ende von Mainz! Wir laufen doch nicht von hier nach Mombach!“
Sie: „Wie weit ist das denn genau?“
Ich: „Ewig… Vielleicht… vier Stunden?! (Pause) Ich guck mal nach… (Handybefragung) Naja, gut… weniger als drei Stunden… Nur 13 Kilometer.“
Sie: „Super! Wir laufen!“

Ich war noch nicht ganz überzeugt, aber wir rechneten mal durch: Um 11 Uhr würde das Musical starten. Also sollten wir etwa um 10.30 Uhr vor Ort sein. Drei Stunden Laufzeit… Ja, und es kam tatsächlich so: Um 7h trafen wir uns in der Küchen, um 7.30h verließen wir das Haus, sammelten uns ein Frühstück beim Bäcker ein und starteten in einen wunderschönen Morgen, während unsere Jungs daheim noch in den Betten lagen.

Ich dankte meiner Süßen mehrfach für ihre gute Idee und ihre Überzeugungskraft, denn wir hatten tatsächlich den perfekten Morgen für unsere Tour erwischt. Die Morgensonne war bezaubernd und badete die Welt in einem warmen Licht.

Wir gingen von Ebersheim durchs Feld an Möbel Martin vorbei bis unsere Hechtsheimer Pyramide in den Blick kam. Dort hieß es dann: Abbiegen Richtung Bretzenheim. Unter der Autobahn hindurch, an einem Pferdehof vorbei,…

Ab Bretzenheim wurde auch meine zunächst reichlich überdrehte, übermütige Tochter etwas ruhiger. „Ist schon ein Stückchen…“, gab sie zu. Aber wir waren unseres Weges längst nicht müde! Im alten Ortskern von Bretzenheim gab es immer wieder etwas zu entdecken (wie dieses künstlerisch bemalte Haus mit seiner Friedensbotschaft) und schon waren wir fast am Unicampus angelangt.

Tatsächlich war auch das ein guter Grund für mich gewesen, diese kleine Wanderung zu unternehmen: Ich hatte schon lange vorgehabt, einmal zur Arbeit zu laufen. Endlich konnte ich ein Häkchen hinter dieses Ansinnen setzen. Wenn ich auch nicht arbeiten war. Vorsatz für 2020: Nun wo ich den Weg kenne, sollte ich tatsächlich mal morgens zur Arbeit laufen. Oder nachmittags von dort nach Hause. Ob ich eine Stunde mit dem Bus unterwegs bin oder zwei Stunden zu Fuß… solch ein riesiger Unterschied ist es am Ende wirklich nicht.

An diesem Tag mussten wir aber noch ein Stückchen weiter. Wir lagen gut in der Zeit. Es war noch nicht 10 Uhr als wir uns dem alten Bruchwegstadion näherten. Zeit für einen kleinen Einkauf im King-Park-Center nahmen wir uns sicherheitshalber aber doch nicht. Weiter, weiter, am SWR vorbei und den Berg hinunter Richtung Mombach. Der Rest der Familie fuhr kurz vor dem Ziel mit dem Auto hupend und winkend an uns vorbei.

Alle waren angekommen, rechtzeitig um 10.30 Uhr. Nun war Entspannung angesagt.

Trainingseinheit für die Jungs: Von den Ober-Olmer Ziegen zum Funkturm

Vielleicht hat unsere Kulturtour zum Musical die Jungs ein wenig beeindruckt. Vielleicht hat sie auch nur die Sonne so motiviert und beglückt, wie das bei mir stets der Fall ist, aber tatsächlich ergab es sich am Jahresende, dass sogar meine beiden Männer eine kleine Wanderung mit mir unternahmen. Ziemlich spontan… Ich wollte bei dem tollen Sonnenschein ganz dringend raus. (Der letzte Sonntag des Jahres machte seinem Namen sozusagen alle Ehre.) Mein Liebster schlug vor: „Lass uns bei den Ober-Olmer Ziegen vorbei schauen. Da hat Junior was zum Gucken.“ (Unseren ersten Besuch dort habe ich hier festgehalten.)

Wir hatten noch ein wenig Futter vom letzten Ausflug zum Gonsenheimer Wildpark dabei, aber letztlich waren die Ziegen und das Federgetier rasch bestaunt. So schnell wollte ich aber natürlich noch nicht wieder zurück. Praktischerweise entdeckte Junior dann in der Ferne diesen komischen Turm und verkündete: „Ich will zu dem Turm da!“

Öhm, ja,… wenn man ihn sehen kann, ist er nicht so weit weg 😉 Diesen Wunsch wollte ich doch sehr gerne erfüllen und auch mein Liebster sträubte sich nicht. Querfeldein gingen wir zum Ober-Olmer Fernmeldeturm.

Mit dem Anfassen hat es am Ende nicht geklappt, denn natürlich war der Turm eingezäunt. Aber unserer guten Laune tat das keinen Abbruch und auch auf dem Rückweg hörte ich keinerlei Klagen, was mich sehr, sehr erfreute. Kein Wie-weit-ist-es-denn-noch-Gejammer oder Schnapsideen wie „Kannst du mich tragen?“

Stattdessen eine mini Weiterbildung dank Wikipedia und meinen Liebsten: Aha, der Turm ist etwa 108 Meter hoch und überträgt die Radiosender BigFM und RPR1, die ich beide im Auto ganz gern höre.

Ich schloss das Jahr 2019 mit der erfreulichen Erkenntnis ab, dass mein Mädel bereits ein Wanderherz in sich trägt und mein Bübchen längst nicht so lauffaul ist wie er oftmals tut, sondern durchaus Spaß daran hat, die Welt zu Fuß zu erkunden.

Vorsatz 2 für 2020 daher: Ganz dringend ein paar hübsche Laufgelegenheiten finden, um den Kindern nahe zu bringen, wie hübsch das Spaziergängerdasein ist. Im Keller habe ich bereits Fackeln für eine kleine Nachtwanderung deponiert. Und im Frühling locke ich mit einem schönen Picknick nach draußen. Oder so. Ach, da wird mir schon etwas einfallen… („Du willst ein Eis essen gehen? Hm… klar… laufen wir mal nach Hechtsheim. Da gibt es eine Eisdiele. Dauert nur eine Stunde dorthin.“)