Gedanken zur "Geheimnis"-Ausstellung im MfK Frankfurt

Unverhofft kommt oft. Ganz spontan landete ich gestern im Museum für Kommunikation Frankfurt – mal wieder (letztes Jahr besuchten wir dort die Ausstellung zum Thema „Freundschaft“). Von Dezember bis April 2020 dreht sich die aktuelle Sonderausstellung im 1. Stock um das Geheimnis als gesellschaftliches Phänomen.

Öffentlich vs. privat?

Habt ihr Dave Eggers‘ „The Circle“ gelesen oder ward in der Verfilmung mit Emma Watson und Tom Hanks, die 2017 in den Kinos lief? Lest das Buch, wenn ihr es noch nicht getan habt! Es lohnt sich! Nicht nur weil es wirklich angenehm geschrieben ist, sondern auch, weil es eine der wichtigen Fragen unserer Zeit sehr klug in Form einer Geschichte behandelt, die absolut realitätsnah wirkt – und dadurch besonders berührt: Wie viel Privatsphäre brauchen wir? Oder umgekehrt: Wie viel Transparenz ist gut für eine Gesellschaft und ihre Individuen? Wenn unser Smartphone fast alles über uns weiß (wo wir wann sind, mit wem wir Kontakt haben, für welche Themen wir uns interessieren,…) und viele Leute zumindest Teile ihres Lebens ganz freiwillig in sozialen Medien wie Instagram oder im WhatsApp-Status bekannt geben… wie ist das dann mit der sozialen Kontrolle und der Transparenz, mit dem Privaten und dem Geheimen? Wer schaut mir eigentlich alles dabei zu, wie und was ich lebe? Als ich „The Circle“ las musste ich nach zwei Dritteln des Buches eine Pause einlegen, weil ich die Geschichte als überaus beklemmend empfand. Und das als Mensch, der grundsätzlich recht offen ist und sein Herz (zu?) oft auf der Zunge trägt. Aber dennoch entscheide ich in der Regel ganz gern, mit wem ich mein Leben und meine persönlichsten Gedanken teile. Und wenn ich keinen Einfluss darauf habe (wie hier in diesem Blog, den die ganze Welt lesen könnte, wenn sie wollte), kann ich doch zumindest frei wählen, von was ich euch wie erzählen möchte. Ich kann mich sozusagen dosieren – je nach Publikum. Und das ist auch gut so.

Ihr seht, das Thema hat mich irgendwie direkt angesprochen, als ich am Museum vorbei lief. Eigentlich wollte ich ja ein paar Häuser weiter… Wenn wir nun bereits die totale Transparenz leben würden wie die Protagonistin in „The Circle“ könntet ihr euch vermutlich auf meinem Smartphone einwählen und nachsehen, was gestern mein ursprünglicher Plan war bevor ich dann doch ins Museum für Kommunikation abbog, durch den Museumsshop spazierte und letztlich 6 Euro an der Kasse zahlte, um mich mit dem Phänomen „Geheimnis“ zu befassen. Da das aber erfreulicherweise noch nicht geht, könnte es nun mein Geheimnis bleiben.

Mit Actionbound durch die Ausstellung

Direkt am Eingang der Ausstellungsfläche stand ein Hinweisschild, welches zu einer kleinen Rallye einlud. Dafür hatten die Museumsleute ganz modern die App „Actionbound“ gewählt, die ich praktischerweise von meinen eigenen Selbsttests mit diesem Tool noch immer auf dem Smartphone hatte. Was früher ein Papierfragebogen gewesen wäre, fand nun digital statt. Ich probierte es gerne aus und ließ mich mit dem Handy in der Hand durch die verschiedenen Themenbereiche führen. Das war überaus angenehm, denn zugegebenermaßen neige ich manchmal dazu, die Inhalte eher oberflächlich zu rezipieren. Die Rallye hat mich nun dazu bewegt, das ein oder andere auszuprobieren oder tatsächlich nach Antworten auf die gestellten Fragen zu suchen. Zugleich fühlte ich mich nicht eingeschränkt, sondern hatte jederzeit die Freiheit, mich selbstständig zu bewegen und meinen Interessen zu folgen. Hiermit also ein Lob für die Actionbound-Rallye!

„Geheimnis“-Ausstellung mit Kindern?

Nun war ich an diesem Tag ohne große oder kleine Begleiter*innen im Museum. Aber natürlich habe ich mir Gedanken darüber gemacht, ob ich euch den Ausstellungsbesuch auch mit euren Kids im Schlepptau empfehlen kann. Die Sonderausstellung „Geheimnis“ ist ziemlich kompakt und (auch dank Actionbound) definitiv etwas für alle Kinder ab etwa 8 Jahren. Dann solltet ihr aber am besten gemeinsam mit ihnen durch die Ausstellung gehen und es wirklich als Familienevent sehen, das euch ins Gespräch bringt. Dazu hat die Ausstellung auf jeden Fall reichlich Potenzial. Wie neugierig bin ich/bist du eigentlich? Wie leicht oder schwer fällt es uns, ein Geheimnis zu bewahren? Wem vertraue ich meine Geheimnisse an? Warum sind Geheimnisse wichtig? Warum aber auch problematisch? Wer ist eigentlich Alexa und mag ich die bei mir im Haus haben? Warum (nicht)? Wie privat ist mein Leben eigentlich? Und was würde passieren, wenn jemand mal einen Tag Zeit hätte, sich ausgiebig mit meinem Handy zu beschäftigen und alles durchzusehen? Wie würde sich das anfühlen?

Eine Stelle in der Ausstellung habe ich aber gefunden, mit der Kinder wenig anfangen können, die sogar beinahe etwas heikel ist: Ich hatte es mir auf dem Sofa gemütlich gemacht, das ein Wohnzimmer darstellen sollte. Auf einem Kopfhörer läuft wohl eine Textstelle aus 1984 von George Orwell – das hab ich nicht ausprobiert. Ich hatte den anderen Kopfhörer erwischt und mir auch tatsächlich die Zeit genommen, die gesamte Textpassage zu hören, die eine nette Sprecherstimme mir präsentierte. Oho, Milan Kunderas „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“! Ewig her, dass ich das während des Studiums gelesen hatte. Ich wusste gar nicht mehr, um was es konkret in diesem Werk geht. Nun ja, es ist definitiv KEIN Kinderthema, sondern eine Textstelle mit einer recht expliziten literarischen Darstellung zum Thema Affären. Ups. Damit hatte ich nicht gerechnet… aber klar, passt ganz schön gut zum Thema.

Sehen, hören, schreiben, ausprobieren, diskutieren,…

Die Ausstellungsmacher der Nemetschek Stiftung haben sich große Mühe gegeben, das Thema didaktisch wertvoll aufzubereiten. Neben erklärenden Texten zu den Exponaten, die in der Regel recht kompakt sind, gibt es vieles, das zum Ausprobieren und Begreifen einlädt, außerdem Audiodateien und ein Filmchen. Ein Fragebogen dient der Selbstreflexion und kann im Anschluss mit einem kleinen Aktenvernichter geschreddert werden. Verschiedene Möglichkeiten der Nachrichtencodierung verbergen sich hinter pinkfarbenen Klappen und möchten von neugierigen Besuchern entdeckt werden.

Ich bin ein großer Fan des Kommunikationsmuseums, weil es immer so wunderbare Themen aufgreift. Da schlägt mein Kulturanthropologenherz regelmäßig höher. Zugleich fällt mir immer wieder auf, dass mich zwar die tolle Aufbereitung und die Vielfalt der Perspektiven stets anspricht, ich aber inhaltliche Tiefe vermisse. Auch bei dieser Ausstellung hätte ich mir mitunter Fußnoten gewünscht (woher beziehen die Ausstellungsmacher ihr Wissen?) oder aktuelle Forschungsergebnisse. Aber so ist das wohl. Solch eine Ausstellung ist ein diskurs- und reflexionenanregender Raum, nicht die ansprechende Aufbereitung einer Doktorarbeit.

Zufällig fand ich jedoch die Begleitbroschüre zur Ausstellung, die unauffällig in einem Beistelltisch lag und mitgenommen werden wollte. Das fand ich prima, denn hier konnte ich mir ein wenig Input mit auf die Heimfahrt nehmen, den ich gerne (zumindest auszugsweise) mit euch teile. Habt ihr euch denn schon einmal Gedanken darüber gemacht, wie sich die Einstellung von Kindern zu Geheimnissen mit zunehmendem Alter verändert? Ich hatte mich damit noch nie wirklich befasst, fand die Frage aber durchaus interessant…

Kindergeheimnisse

„Bei den ersten tastenden Autonomieversuchen der Kinder und ihrem Bestreben, sich von den Erwachsenen abzulösen und der Allgegenwart der Eltern ein Stück Eigenleben abzugewinnen, spielt das Geheimnis eine große Rolle“, schreiben die Erziehungswissenschaftlerinnen Renate Valtin und Elisabeth Flitner in ihrem Beitrag. Unser Fünfjähriger ist demnach genau in dem Alter, in welchem Kinder die Freude an ihren kleinen Geheimnissen entdecken. Sein Höhlenbautrieb ist wohl auch darauf zurückzuführen (insbesondere wenn in den Höhlen eine Ecke als Süßigkeitenversteck dient). Dabei handelt es sich um so genannte „schöne Geheimnisse“, die der kindlichen Entwicklung gut tun, weil die Kleinen dadurch ihre Eigenständigkeit erleben und – wenn das Geheimnis mit Freunden geteilt wird – Gemeinschaftsgefühl aufbauen. Natürlich freut sich unser Junior riesig, wenn seine Kumpelchens mit ihm Kekse in der Höhe naschen. Das Geheimnis als verbindendes Element tritt aber eigentlich erst im Schulkindalter so richtig in Erscheinung. In dieser Zeit nehmen Kinder dann auch wahr, dass sie nicht nur schöne Geheimnisse teilen können, sondern auch belastende. Haben sie etwas Verbotenes getan, erzählen sie es besser nur denjenigen, denen sie vertrauen. Mit zunehmendem Alter werden Geheimnisse in ihrer Bedeutung ambivalenter, wie es scheint. War es einst noch ein Spiel mit dem Geheimen, die Freude am Ich-weiß-etwas-was-du-nicht-weißt und am Geheimnis-teilen, kommt nun auch Anpassungsdruck und Angst hinzu: Ich muss etwas geheim halten, weil es nicht erlaubt ist, weil es peinlich ist, weil ich mich unbeliebt mache. „Die Phase der defensiven Geheimnisse und Heimlichkeiten geht zu Ende, wenn es Eltern und Kindern gelingt, ihre ursprünglich umfassende Nähe in eine Beziehung zu verwandeln, in der persönliche Freiräume sich entwickeln und Verschiedenheiten offen zum Thema gemacht werden können“, resümieren die Wissenschaftlerinnen. Darauf kommt es also an. Wir benötigen in unseren engen Beziehungen genug Vertrauen zueinander und Verständnis füreinander, um unsere Verschiedenheit offen zu leben, ohne uns Sorgen machen zu müssen, dass uns die anderen in die Wüste schicken.

Da musste ich glatt an das Plakat denken, dass ich vor wenigen Tagen auf einem abendlichen Spaziergang im Schaufenster unserer evangelischen Kirchengemeinde entdeckte – passend zu Fastnacht und auch zum Ausstellungsthema: „Vor Gott dürfen wir unser wahres Gesicht zeigen.“ Falls ihr also nicht immer zu dem Schluss kommt, dass eure Mitmenschen euch so nehmen, wie ihr seid, mit allem, was ihr so tut und denkt, könnt ihr euch mit eurer Wahrheit zumindest vor Gott zeigen. Eine schöne Idee – wenn man an Gott glaubt.

Und sonst so?

Nun hab ich euch die Ausstellung für Menschen ab 8 Jahren empfohlen. Und was ist, wenn eure Kids jünger sind? Dann gibt es im Museum noch die Kinderwerkstatt, in der sich die Kleinen ab 4 Jahren betätigen können. Allerdings muss hier bei allen Kids unter 7 Jahren eine Begleitperson dem Spiel beiwohnen. Es lohnt sich also mindestens zu zweit ins Museum zu gehen, damit einer in Ruhe die Ausstellungen erkunden kann. Übrigens gibt es natürlich wie immer noch eine etwas großflächigere Ausstellung im 2. Stock, die sich aktuell dem Thema „Gesten“ widmet, sowie die ganz großartige Dauerausstellung rund um Kommunikation im Wandel der Zeit. Auch das Cafe kann ich euch empfehlen. Man sitzt sehr schön und die Kuchen sind vielfältig und lecker.

Beim Verlassen des Hauses kam ich nicht durch den Museumsshop, ohne mir etwas mitzunehmen. Schon letztes Jahr hatte ich in diesem charmanten Buch geblättert – nun gehört es mir: „Heute gibt’s Eis zum Frühstück! 365 verrückte Feiertage und wir zwei mittendrin“.

Total sinnlos, ich weiß, aber ich fand die Anregungen niedlich, die jeden Tag zu einem Feiertag erklären, und bin gewillt, mich davon inspirieren zu lassen. Heute, am 9. Februar, ist In-der-Badewanne-lesen-Tag. Das haben wir direkt mal zelebriert! Gibt bestimmt immer wieder Gesprächsstoff, dieses Buch – und damit hat das Museum für Kommunikation seinem Namen doch wahrlich alle Ehre gemacht!

Zukunftsmusik: The Playground Project

Eigentlich wollte ich ja gar nicht wieder im Kommunikationsmuseum landen. Als ich im Zug saß und recherchierte, was die Frankfurter Museen gerade zu bieten haben, war es eigentlich das Deutsche Architekturmuseum, das mich mit seiner Ausstellung „The Playground Project“ lockte, einer Ausstellung über Spielplätze und Architektur für Kinder. Als sie 2018 in der Bonner Bundeskunsthalle residierte, hab ich sie leider verpasst. Bis zum 21. Juni 2020 werde ich also noch mindestens einmal nach Frankfurt ausflügeln müssen… (Und falls jemand mitkommen möchte – einfach melden!)