In der Krise nicht die Krise kriegen: Die Daheimsein-Challenge

Uff. Das ist wirklich eine Herausforderung: Wir überaus geselligen Menschen, die sich gerne in nah und fern herumgetrieben haben, sollen daheim bleiben. Nicht mal der Spielplatz vor der Haustür ist erlaubt. Der unheilvolle Corona-Virus macht es erforderlich, sich zurück zu ziehen. Ausnahmezustand…

Am Freitag bin ich ehrlich gesagt aus allen Wolken gefallen, als mittags die Botschaft kam, dass nicht nur die Schulen und Kitas in Bayern und dem Saarland ab Montag geschlossen werden. Ich hatte es für Rheinland-Pfalz irgendwie ausgeschlossen, war davon überzeugt: Die Abiturprüfungen in der kommenden Woche machen die noch. Erst danach machen sie vielleicht alles zu… Da hab ich wohl falsch gelegen… Als die Botschaft mich erreichte, war ich gerade in Nieder-Olm. Eigentlich wollte ich mir eine neue Hose kaufen. Drei sind in letzter Zeit kaputt gegangen, ich bräuchte wirklich wieder einen Ersatz. Stattdessen trank ich auf den Schock hin einen Latte Macchiato beim Bäcker, gönnte mir noch einen Himbeerkuchen dazu – so ganz ohne kindliche Begleitung. Auch sonst war keiner in der Nähe, nur mein Tisch war besetzt – vielleicht ein erstes Zeichen für die anstehende Ungeselligkeit. Im Anschluss ging ich zum örtlichen Bastelsachen-Dealer und kaufte viele, viele Aufkleber, ein Styroporherz zum Bemalen, drei kleine Leinwände,… Klimskrams, der vielleicht in Was-sollen-wir-jetzt-machen?-Zeiten ganz hilfreich sein kann.

Das war ein sehr bedächtiges Abholen am Freitag, das vorerst letzte Mal in unserer schönen Kita…

Nun ja, am Samstag waren wir noch „schlechte Menschen“, waren abends im örtlichen Weingut Schnitzel-Essen. Und auf dem Spielplatz. Die Große traf am Wochenende noch zwei Freundinnen und verbrachte mit ihnen schöne Tage im Sonnenschein (sie waren draußen Müll sammeln, die vorbildlichen Mädchen). Doch wurden es jeden Tag weniger persönliche face-to-face-Kontakte. Am Montag war ich dann noch einmal im Büro, habe die Auswertung für einen Bericht gemacht und schließlich meine Sachen zusammengepackt. Seit gestern verbringe ich vormittags zwei Stunden mit der Großen im HomeOffice: Sie macht Schulkram, ich arbeite. Mein Liebster kümmert sich unten um Junior und macht Gartenarbeit. Er hat gerade anfangen, unsere morsche Gartenhütte abzureißen, um Platz für eine neue zu schaffen (aus Metall).

Eine zweite Runde HomeOffice gab es nun immer am Abend. Dann ist die Chance auch besser, dass weniger los ist auf der Unileitung und die Remotedesktopverbindung besser funktioniert. Die wird mich sicherlich noch häufig in den Wahnsinn treiben. Egal, wie oft man seine Dokumente zwischenspeichert… es ist jedes Mal enorm nervig, wenn die Verbindung plötzlich getrennt wird.

Nun ja – aber es ist Jammern auf hohem Niveau. Auf sehr hohem Niveau. Ich bin sehr dankbar für meinen hübschen Unijob. Wenn ich meine Stunden pro Woche vorerst durch Urlaub reduziere, damit daheim alles gut läuft, geht die Welt nicht unter. Ich bekomme mein Geld weiterhin, bin kein Freiberufler, der direkt in Existenznöte gerät, weil sein Einkommen wegbricht. Für diese komfortable Situation bin ich sehr, sehr dankbar und habe großen Respekt all denen gegenüber, die in „systemrelevanten Berufen“ arbeiten, nun als Ärzte, Pfleger, Verkäufer, Polizisten etc. weiterhin ihrer Arbeit nachgehen müssen, irgendwie die Kinder versorgen (immerhin gibt es für diese Berufsgruppen eine Notbetreuung!) und in reichlich Menschenkontakt sind, den man derzeit ja eher meiden soll.

Auch meine Schwiegermutter hat es nicht einfach. Die wohnt in einem Pflegeheim. Ihre kleinen Highlights brechen völlig weg, seit die Alten besonders abgeschottet werden, um sie zu schützen: Der Besuch ihrer Lieben und der tägliche Gang ins gegenüberliegende Lokal, um dort eine Zigarette zu rauchen, müssen auf unbestimmte Zeit entfallen. Am Freitag rief sie verzweifelt bei uns an: „Die sperren mich hier ein!“ Nun gibt es kein Rein und kein Raus für sie. Wir können ihr nur ein paar Sachen, die sie sich wünscht, an der Heimpforte abgeben. Und natürlich immer wieder einmal mit ihr telefonieren.

Telefonieren und chatten, Sprachnachrichten tauschen, regelmäßig die WhatsApp-Stati der Anderen durchgucken,… wir sind in kommunikativer Hinsicht insgesamt in einer komfortablen Situation. So wirklich allein muss man sich eigentlich nicht fühlen. Ich finde es schön, mal wieder häufiger zu telefonieren. Was hab ich früher telefoniert! Die Große hat heute zum ersten Mal mit zwei Klassenkameradinnen einen Videochat gehabt. Das hat ihr gut getan.

Dank der wunderbaren Sonne heute war es bestimmt auch nicht das schlechteste Freizeitprogramm, in der Hängematte im Garten zu liegen und zu dösen und zu lesen (ich) oder TKKG-Hörspielen zu lauschen (die Große). Wir können froh sein, einen kleinen Garten zu haben.

Insgesamt ist so ein Vorort-Leben in einem dörflich anmutenden Stadtteil sicherlich das Beste, was man sich derzeit wünschen kann. Wir drehen täglich unsere Runde in den Weinbergen. Morgens laufe ich am Feldrand entlang zum Bäcker und verbinde meinen einsamen Spaziergang mit dem Brötchenholen. Denn solch eine Situation hat ja auch ihre guten Seiten: Bei uns entwickelt sich gerade eine Frühstückskultur, die es so vorher nicht gab. Etwa um 9 Uhr findet am Frühstückstisch die tägliche Lagebesprechung statt, in welcher jeder seine Wünsche für den anstehenden Tag und Anträge für’s familiäre Miteinander stellen kann.

Für mich ist die aktuelle Situation eigentlich eine ziemliche Herausforderung. Ich hatte am Freitag riesigen Respekt davor, nun rund um die Uhr die Kinder daheim zu haben. Zunächst dachte ich: „Ach, dann gehen die eben mal zu Freunden oder die Freunde kommen zu uns. Irgendwie wird das schon!“ Und ja, wir haben die Kinder tatsächlich auch bislang nicht komplett abgeriegelt, sondern die Kontakte nur sehr, sehr runtergefahren, bemühen uns, immer die gleichen drei, vier Familien zu treffen. Seelisches Gleichgewicht ist uns eben auch wichtig und die Anzahl der Corona-Fälle in Mainz noch recht überschaubar. Und abgesehen davon, dass ich heute Morgen mies gelaunt war, weil Daheimblieben zwangsläufig zu mehr Chaos und Dreck daheim führt, also zwangsläufig zu fast ständigem Aufräumen, Staubsaugen, Krümel wegwischen, Spülmaschine umräumen,… aber sonst fällt mir die Decke noch gar nicht so richtig auf den Kopf. Und meine Familie mag ich ebenfalls noch immer. Das klingt nun selbstverständlich, aber wer mich kennt, der weiß, dass ich neben einer ausgeprägten geselligen Seite auch ein ausgeprägtes Ruhe- und Alleinsein-Bedürfnis habe – weshalb ich Familienurlaube beispielsweise nicht zwangsläufig als erholsam bezeichnen würde und mich bereits manchmal vor gemeinsamen Urlaubsreisen gedrückt habe, um stattdessen allein daheim zu bleiben. Ich sehe die aktuelle Lage und das damit einhergehende Auf-uns-vier-zurückgeworfen-sein als sehr große Lerngelegenheit: Nun bleibt mir gar nichts anderes übrig als mich so richtig auf meine Kinder einzulassen und es mir mit ihnen hübsch zu machen. Sicherlich war unser mitunter ausuferndes Freizeitprogramm teilweise einfach ein Fluchtimpuls. Ich hatte gar keine Lust, mich das ganze Wochenende mit den Kindern auseinander zu setzen. Deshalb sollten sie sich mit Freunden treffen und bei diversen Aktivitäten à la Kino, Schwimmbad, Tierparkbesuch etc. amüsieren, am liebsten gemeinsam mit einer anderen Familie, damit auch die Erwachsenen netten Austausch haben. So mag ich es. Unsere Große hat das total adaptiert. Es gibt vielleicht einmal im Monat einen Tag, an dem sie einfach nur daheim ist, ohne irgendwelche Freunde zu treffen oder ihren Hobbies nachzugehen. Es kommt sehr, sehr selten vor. Und unser Junior hat diesen Weg ebenfalls eingeschlagen, will möglichst oft seine Freunde treffen und nicht nur mit Mama oder Papa rumhängen. Nun müssen wir umdenken – und enger zusammenwachsen, uns mehr umeinander kümmern, ZUSAMMEN Spaß haben statt uns unsere Unterhaltung extern zu suchen. Dasein statt Weglaufen. Entweder erschlagen wir uns in den nächsten Tagen oder es wird ein heilsamer Prozess sein. Derzeit bin ich zuversichtlich, dass wir das gut meistern werden 😉

Es ist ein sehr großes Gesellschaftsexperiment, eine spannende Zeit, obwohl sich die Welt plötzlich so langsam dreht. Ich staune noch immer über das, was da gerade passiert und kann es vermutlich längst nicht völlig verstehen. Nun hat man eigentlich nur die Wahl, welche innere Haltung man zur aktuellen Situation entwickelt: Jammern und sich wehren? Oder sich darauf einlassen und das Familienleben in dieser sehr intensiven Form annehmen?

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