Wo’s früher mal Atomraketen gab: Kleiner Rundgang im Ober-Olmer Wald

Am letzten Aprilmontag war es noch schön sonnig und warm. Drum packte ich meine Jungs ins Auto, um das angenehme Wetter mit ihnen auf einem kleinen Nachmittagsspaziergang zu genießen, bevor ein paar trübere Tage anstanden. Die Große weigerte sich, wollte daheim in der Hängematte liegen bleiben, nachdem ihre Schulaufgaben sie den Vormittag über genervt haben. Na gut. Dafür nahmen wir den neu zusammengebauten Lego-Dino mit. Zumindest der wollte auch was von der Welt sehen.

Wir stellten das Auto am hinteren Parkplatz ab, direkt beim Forsthaus, wo es sonntags wohl auch Kaffee und Kuchen gibt (sogar zu Corona-Zeiten…). Der Blick auf die Übersichtskarte ließ uns den „gelben Rundweg“ wählen. 5km mit der Möglichkeit zur Abkürzung bei akutem Gejammer unseres kleinen Mitläufers.

Hinter der Schranke kam noch eine Infotafel und dann startete unser Rundweg, indem wir rechts abbogen. Das war dann tatsächlich der pure Waldweg. Bäume, Bäume, überall Bäume. Und dazwischen ein paar Jogger und Radfahrer. Dino bot aber genug Unterhaltung, damit das nicht allzu abwechslungsreiche Ambiente dennoch kurzweilig blieb. Er flog mit unserem Junior zusammen den Weg entlang, lieferte sich ein Wettrennen mit einer Joggerin, stand für Fotoshootings zur Verfügung und gemeinsam lauschten wir den Vogelstimmen.

Ach, irgendwie ist es immer wieder schön, die Welt in Begleitung von Kindern wahrzunehmen. Lachen musste ich, als Junior uns beim Anblick des Holzstapels fragte, ob denn hier das Sägewerk Bad Segeberg sei, von dem ein charmantes Lied der Wise Guys handelt, das wir vor einer Weile öfter hörten. Ich verlinke das hier als kleinen Exkurs – nur so zum Spaß, falls ihr es noch nicht kennen solltet…

Kleine Highlights sind zudem die hübschen Holztipis und die Hochsitze der Jäger. „Und wo sind nun die Tiere?“, fragte Junior. „Hm, ich glaub, da hätten wir vielleicht abends mehr Glück, wenn die Spaziergänger alle daheim sind“, antwortete ich. „Und wenn wir da ganz schön lange sitzen und geduldig warten“, ergänzte mein Mann. Tja, aber was soll ich sagen… Yasmin war heute die Spürnase vom Dienst! 10 Minuten später sah ich tatsächlich vom Weg aus ein Reh im Wald, das gemütlich seinen Nachmittagssnack futterte. So süß! Und ich war natürlich wahnsinnig stolz, dass ich es entdeckt hatte zwischen den Bäumen, in 50 Metern Entfernung.

Die Nike-Stellung

Irgendwann kam sie doch, die gefürchtete Frage: „Wie lang ist es denn noooch? Ich kann nicht mehr laufen!“ Jajajaja… Ich befragte Google Maps: „Ist nicht mehr weit. Noch 15 Minuten – wenn du normal läufst, nicht so langsam wie jetzt gerade!“ Als ich die digitale Karte studierte, fiel mir auf, dass da offenbar noch eine wie auch immer geartete Sehenswürdigkeit vor uns lag: Die Nike-Stellung. Was mag das wohl sein? Wird wohl nichts mit Turnschuhen zu tun haben und auch nicht mit der griechischen Göttin, oder? Nee, natürlich nicht. Ganz anders! „Stellung“ klingt kriegerisch – und das zu recht. Beim Ober-Olmer Wald und der Nike-Stellung handelte es sich um einen Stützpunkt der US-Streitkräfte zu Zeiten des Kalten Krieges. Bis 1983 waren dort atomare Flugabwehrraketen des Typs Nike stationiert (die Infos habe ich von folgender Website). Wow. Irgendwie ein beeindruckender Gedanke… Der Ober-Olmer Wald ist also letztlich ein Konversionsprojekt: Aus ehemals militärischem Gebiet wurde ein Wald und Naturschutzgebiet, das nun der zivilen Bevölkerung zur Erholung dient. Was Google als „Nike-Stellung Wackernheim“ beschilderte ist ein größerer Hügel im Sonnenschein. Drumherum Wiesen. Ein Ort, an dem man mittlerweile definitiv toll picknicken kann… Und die an diesem Nachmittag dort anwesenden Kinder fanden das gesamte Gelände total spannend. So viel Auslauf, auf und ab,… Wenn wir unserem Junior nun noch erzählt hätten, dass hier früher Raketen stationiert waren, Panzer herumfuhren und Soldaten für den Ernstfall trainierten, der Gott sei Dank nie eintraf,… oh, das hätte die Kleine-Jungs-Phantasie sicherlich noch mehr angeregt als der tolle Hügel und das Drumherum per se. Aber als wir vor Ort waren, war mir die Vergangenheit dieses Ortes noch nicht bekannt. Und überraschenderweise schien auch mein Mann, der beinahe ein Mainzer Eingeborener ist, sich bislang nicht mit der Historie dieses Ortes befasst zu haben.

Vor Ort konnte ich deshalb auch noch nicht recht begreifen, was es mit den aufgestellten Glas-Schautafeln auf sich hatte. Die dort abgebildeten Familien schienen mir ziemlich willkürlich ausgewählt worden zu sein. Ohne Erklärung war mir kein Zusammenhang ersichtlich zwischen Familien in Russland, dem tiefsten Bayernland, irgendwo in den USA etc. Und selbst als ein Schild verriet, dass es irgendwas mit dem Kalten Krieg zu tun habe, stand ich noch auf dem Schlauch. Mittlerweile habe ich erfreulicherweise verstanden, dass es sich bei den Stelen um das Kunstprojekt einer Professorin handelt, das seit 2002 symbolisch auf die Verbindung dieser Familien hinweisen will, die alle gemeinsam haben, dass sie in Orten lebten, in denen der Kalte Krieg durch das anwesende Militär täglich irgendwie präsent war. Eine gruselige Vorstellung, so aus heutiger Sicht. Wie schön, dass wir in friedlichen Zeiten leben. Wir und unsere Kinder können uns schon gar nicht mehr vorstellen, wie es sein muss, im Krieg zu leben oder diesen als Bedrohung im Nacken zu spüren. Wir kennen nur diese weitgehend heile Welt. Möge das stets so bleiben!

Wer Lust hat, mal ein irgendwie ganz lustiges Video bei YouTube rund um die militärische Vergangenheit des Ober-Olmer Walds zu sehen, der kann sich, wie wir gestern, mal das 20minütige „Erklärvideo“ dieses „Zeitzeugen“ anschauen. Ist schon ein paar Jahre alt, also sicherlich nicht mehr ganz aktuell. Aber es geht ja auch im seine Erinnerungen, also um die Vergangenheit. Der Mann plaudert so hübsch vor sich hin, dass man das Gefühl hat, bei einem älteren Herrn zum Tee trinken eingeladen zu sein.

Übrigens: Wenn ihr nicht auf den gelben Rundweg geht, sondern von der Schranke beim Parkplatz einfach geradeaus weiter lauft, kommt ihr auf direktem Weg zu jenem sehr lichten Teil des Ober-Olmer Waldes, der vorwiegend aus Wiesen besteht und mir persönlich besser gefällt als der „reguläre Wald“. Auf diese Weise gelangen Lauffaule bereits nach 10 Minuten zum Hügel, der bei Google als Nike-Stellung ausgewiesen ist und im Internet als „Hügel der Freundschaft“ betitelt wird. Schöner Name.

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